11./12.2.

Durchbruch in die soziale Wirklichkeit

Die einzige sozial–relevante Wirklichkeit sind Menschen in ihrer ganzen Komplexität und Differenziertheit. Jeder Versuch diese durch abstrakte Institutionen, Konzepte oder Regeln zu erfassen und zu bestimmen, muss notwendigerweise zu einer Verkümmerung des Individuums führen. Oder die Menschen werden gezwungen, ihre individuellen Entfaltungsmöglichkeiten abseits der „Gesellschaft” auszugestalten und werden so mehr oder weniger zu Außenseitern. Die Folge wird entweder Resignation, Burn-Out oder Rebellion sein.

Die soziale Wirklichkeit des Wirtschaftslebens besteht aus Bedürfnissen von Menschen und den Fähigkeiten sie zu befriedigen. Dies kann heute nur durch eine Sozialisierung der Wirtschaft gelingen. Werden die Bedürfnisse von Menschen nicht angemessen befriedigt, (Hunger, Kälte, Obdachlosigkeit usw.) setzt man sie der Not der Natur aus, sie werden leiblich unfrei. So gesehen hat schon das Wirtschaftsleben einen basalen Freiheitsaspekt. Füreinander leben.

Die soziale Wirklichkeit des Rechtslebens besteht in einem Raum, in dem jeder die Freiheit des anderen schont und seine eigene zeigen kann. Rudolf Steiner beschrieb eine moderne Form der Gleichheit in seiner „Philosophie der Freiheit”: „Leben in der Liebe zum Handeln und Leben lassen im Verständnisse des fremden Wollens.” Ein gemeinsames Gesetz, vor dem jeder gleich ist und von dem jeder bestimmt wird, ist überlebt und gehört einer römischen Vergangenheit an. Miteinander leben.

Die soziale Wirklichkeit des kulturell-geistigen Lebens ist die geistige Produktivität des einzelnen Menschen. Sie im anderen zu wecken ist Aufgabe von Erziehung und Bildung. Jede Form von normiertem Wissen muss schließlich die Behinderung der Individualität verantworten. Nebeneinander leben.

Die Gründe des nicht Gelingens dieses von Rudolf Steiner intendierten sozialen Geschehens hat er selbst beschrieben. Sinngemäß wiedergegeben:

Die Menschen wollten Ideen als Lösung von Problemen hören. Er meinte aber Realitäten, die nur ihren Ausdruck in Ideen finden. Sag uns, wie es sein muss, aber lass uns so weiter leben wie bisher.

Des weiteren stellte er einen verhängnisvollen Zug der Menschen nach sofortiger Gründung einer Einrichtung fest, wenn es um soziale Gestaltungsfragen ging. Er meinte seinen Impuls aber als einen Appell an das rein menschliche.

Schließlich scheiterte die Dreigliederungsbewegung daran, dass keine Brücke gefunden worden ist zwischen der Erkenntnis und dem mutigen Willen.

Gottfried Stockmar

Gottfried Stockmar, geboren 1954, aufgewachsen in Hamburg, Besuch der Waldorfschule bis 1973. Ausbildung zum Heilerzieher und anschließend Tätigkeit in einem Institut für seelenpflegebedürftige Kinder. Ab 1990 Mitbegründung und Dozent am Seminar für Anthroposophie. Seminar und Vortragstätigkeit. Dozent am Waldorflehrerseminar und in anderen anthroposophischen Ausbildungen. Mitglied des Vorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland von 1999 bis 2002. Begründer einer Stiftung für Freiheitswissenschaft und Mitarbeiter in der Novalis Stiftung Hamburg. 2006 begann er auf einem alten Gut in Vorpommern ein soziales Projekt, das mit der Intention verbunden ist, einerseits Freiheit zu leben und andererseits die soziale Dreigliederung in der Lebenswirklichkeit zu versuchen. Viele (die meisten sind jüngere Menschen) sind mit dem Projekt existentiell verbunden.

Freitag, 11. Februar, 20 Uhr, Vortrag und Samstag, 12. Februar 2011, 10-18 Uhr, Seminar mit Gottfried Stockmar, Hugoldsdorf. Durchbruch in die soziale Wirklichkeit - Ansätze zur Auflösung der Diskrepanz zwischen Erkenntnis und Lebenswirklichkeit. Weitere Informationen und Anmeldung: Sekretariat des Arbeitszentrums Frankfurt der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland e.V., Hügelstraße 67, 60433 Frankfurt. Veranstaltungsort: Rudolf Steiner Haus Frankfurt.