Die Kartoffeldarlehen der Waldorfschule Biberach

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Eine ungewöhnliche Idee hatte die Waldorfschule Biberach, um den Ausbau ihrer Schule zu finanzieren: Sie zahlt Menschen, die ihr Geld leihen, 3% Zinsen in Form von Kartoffeln. Über dieses so genannte „Kartoffeldarlehen” sollen Bankzinsen gespart werden. Den Anlegern wird so eine solide Geldanlage geboten: nachhaltig, transparent und ökologisch orientiert. Denn die Kartoffeln sind Bio-Demeter-Kartoffeln der Sorte „Ditta”, festkochend, die der Demeter-Bauer Gerhard Steigmiller eigens für die Schule anbaut. Pro 1000 Euro bekommen die Investoren bei 3% Zinsen rund 20 kg Kartoffeln ausgezahlt. Die Schulgemeinschaft liefert die Kartoffeln in ganz Deutschland aus. Das heißt Eltern, Lehrer und Freunde der Schule bringen die Kartoffeln vorbei, wenn sie ohnehin in der Gegend sind. Dadurch kann sich die Auszahlung der Zinsen von November bis März hinziehen. Letztes Jahr jedoch (2010) waren bereits im Dezember alle Kartoffeln ausgeliefert.

Seit einem Jahr läuft dieses Projekt nun und sowohl die Initiatoren als auch die Darlehensgeber sind zufrieden: es sind bisher 115.000 Euro zusammengekommen, mit denen aktuelle Baukosten beglichen wurden, ohne dass ein Bankkredit in Anspruch genommen werden musste. Die meisten Kartoffelzins-Empfänger haben sich ihre Kartoffeln auf dem Martinsmarkt am 7. November selbst abgeholt, konnten dabei ein Schwätzchen mit der Bäuerin halten, sich über den aktuellen Stand des Schulausbaus informieren und durften dann noch zwischen verschiedenen Kartoffelsorten wählen.

Denn wer sich an das Wetter des letzten Sommers erinnert: Die Ernte war schlecht und hätte in früheren Jahrhunderten zweifellos zu einer Hungersnot geführt. Es war vor allem zu extrem: Das Frühjahr war zu kalt, um die Kartoffeln vorzukeimen, der Sommer war entweder zu nass oder zu trocken, so dass zeitweise die Sorge aufkam, ob die Kartoffelernte für die Zinsen ergiebig genug wird. Aber die Menge hat gereicht, nur die Kartoffelknollen sind kleiner als sonst. Und so konnten sich die Darlehensgeber auf dem Martinsmarkt auch andere Kartoffelsorten auswählen, die größer oder nur „vorwiegend festkochend” waren. Das Besondere am Kartoffeldarlehen ist, dass die Teilnehmer die unterschiedlichen Ernten aufmerksam erleben und merken, wie unterschiedlich über die Jahre das Aussehen, die Qualität und der Geschmack ein und derselben Kartoffelsorte ist.

Wer auf dem Martinsmarkt nicht alle Zinsen holte, bekam einen Gutschein und kann sich bis März 2011 seine Zinsen in den gewünschten Portionen im Hofladen holen.

Der größte Teil der Darlehensgeber stammt aus der Region und ist der Schule verbunden. Da es das Ziel ist, eine Million Euro über das Kartoffeldarlehen zu finanzieren, muss sich der Kreis der Investoren vergrößern. Daher hat sich die Schulgemeinschaft bereit erklärt, auch über größere Entfernungen Kartoffeln frei ins Haus auszuliefern, vorzugsweise in Baden Württemberg.

Bisher haben ausschließlich Privatpersonen ein Kartoffeldarlehen. Aber es ist auch für gastronomische Einrichtungen attraktiv, denn mit den Zinsen können sie jedes Jahr eine Reihe von Mahlzeiten oder Beilagen anbieten ohne Kosten zu haben.

Zuletzt stellt sich die Frage, ob es einen Haken an der Sache gibt und ob es erlaubt ist ein Geldgeschäft wie dieses einfach anzubieten? Die Waldorfschule Biberach hat sich das Kartoffeldarlehen vom Bundesamt für Finanzen genehmigen lassen. Damit war verbunden einen Paragraphen in den Darlehensvertrag aufzunehmen, der besagt, dass keiner für die Investition des Darlehensgebers haftet. Sollte die Schule zahlungsunfähig werden, springt der Staat nicht ein. Vor dem Hintergrund der Finanzkrise mag es verständlich sein, da sich die Bundesregierung bereit erklärt hatte, für Privatanlagen von bis zu mehreren Zigtausend Euro zu haften und dies womöglich auch getan hat. Andererseits jedoch unverständlich, nachdem bekannt geworden ist, wie verantwortungslos die Banken mit dem Geld der Sparer umgegangen sind. Der verantwortungsvolle Umgang der Waldorfschule Biberach mit Geld steht außer Frage, denn das Kartoffeldarlehen ergänzt lediglich die bewilligten und geprüften Bankkredite. Je höher das Aufkommen durch das Kartoffeldarlehen, desto niedriger sind die Bankkredite und ihre Tilgungskosten. Das Kartoffeldarlehen ist ein Finanzierungsmodell, dass, je mehr es genutzt wird, die Finanzierung nicht nur absichert, sondern zugleich auch umwelt- und sozialverträglicher macht.

Bei Interesse melden Sie sich bei der Geschäftsführerin Frau Delfino 07351/528555, informieren Sie sich unter www.waldorfschule-biberach.de oder schreiben Sie an: waldorfschule.biberach@gmx.de.

Anne Taube, Arbeitskreis Fundraising