Kosmos Rudolf Steiner

5. Februar - 22. Mai 2011

Kunstmuseum Stuttgart

Rudolf Steiner ist einer der einflussreichsten und zugleich umstrittensten Reformer des 20. Jahrhunderts. In der großen Sonderausstellung »Kosmos Rudolf Steiner« stellt das Kunstmuseum Stuttgart gemeinsam mit dem Vitra Design Museum und dem Kunstmuseum Wolfsburg erstmals umfassend die kultur≤ und kunstgeschichtliche Bedeutung Steiners dar.

+c1_3.tif

Olafur Eliasson, Power Tower, 2005. Foto: Florian Holzherr und Tanja Bonakdar

Parallel findet ein umfangreiches Begleitprogramm statt, um sich der Vielseitigkeit und Komplexität des Steinerschen Wirkens zu nähern.

Wohl kaum eine zweite Stadt in Deutschland ist so stark vom Gedankengut Rudolf Steiners geprägt wie Stuttgart: Hier hielt der ebenso einflussreiche wie umstrittene Be gründer der Anthroposophie 1904 seinen ersten Vortrag, hier gründete er 1919 auf der Uhlandshöhe die erste Waldorfschule. Eine Vielzahl anthroposophischer Einrichtungen prägt seither die Identität der Stadt mit. Am 27. Februar 2011 jährt sich der 150. Ge burtstag von Rudolf Steiner. Grund genug, dem »Kosmos Rudolf Steiner« gemeinsam mit dem Vitra Design Museum und dem Kunstmuseum Wolfsburg in einer umfangreichen Sonderschau nachzugehen. Auf rund 2.000 Quadratmetern macht die bislang größte Sonderausstellung des Kunstmuseum Stuttgart erstmals die kulturgeschichtliche Be deutung Steiners und dessen Einfluss auf die zeitgenössische Kunst umfassend sichtbar.

Das Kunstmuseum möchte mit der Gesamtschau Forum für eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema sein, weswegen »Kosmos Rudolf Steiner« von einem vielfältigen Veranstaltungsprogramm begleitet wird. Um der Bedeutung Steiners für Stuttgart gerecht zu werden, legt das Kunstmuseum in Ergänzung der bei den Ausstellungskataloge die Publikation »Rudolf Steiner in Stuttgart« vor.

Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags

Ende des 19. Jahrhunderts hatte Rudolf Steiner (1861-1925) den Ruf eines anerkannten Goetheforschers, dessen naturwissenschaftliche Schriften er kommentiert undediert hatte. Danach folgte sein Engagement in der Theosophischen Gesellschaft, deren esoterische Weltanschauung aus England importiert war und Anleihen aus sämtlichen Weltreligionen nahm. Nach Unstimmigkeiten wandte sich Steiner davon ab und gründete 1913 eine eigene Weltanschauungsbewegung, in der er den Menschen mit Körper, Geist und Seele zum Zentrum seines Lehrgebäudes erklärte: die Anthroposophie.

+c1_6.tif

Tony Cragg, Red Figure, 2009, Foto. Charles Duprat

In 300 Büchern und mehreren Tausend Vorträgen äußerte sich Steiner in den folgenden Jahren zu allen wichtigen Lebensbereichen. Die Reformierung von Pädagogik, Ernährung, Landwirtschaft, Medizin, Technik, Theologie aber auch der politischen Gesellschaftsordnung war ihm ein dringendes Anliegen. Kunst und Architektur widmete er sich seit 1910 intensiver; sie stellten für ihn die entscheidenden Bereiche dar, um seine neue Sichtweise für jeden erfahrbar zu machen. Steiner suchte den Kontakt mit Künstlern, und viele waren in jener Zeit von seinem Gesamtkunstwerkgedanken fasziniert oder suchten wie Wassily Kandinsky ebenfalls das ›Geistige in der Kunst‹. Für die moderne Architektur sollte der zweite Bau des Goetheanums (1928), der erste Monumentalbau aus Beton, eine einflussreiche Vorbildfunktion bekommen. Aus den vielen markanten Ausstattungsstücken ziehen bis heute auch nicht- anthroposophische Designer Anregungen.

Anhand historischer Dokumente, Möbel, Filme und Architekturmodelle macht der vom Vitra Design Museum konzipierte Ausstellungsteil deutlich, wie umfassend der Steinersche Ansatz gewirkt hat, und dass sich sein ganzheitliches Denken gerade heute in vielen gesellschaftlichen Bereichen wiederfindet. Ein Großteil der Leihgaben stammt aus dem Rudolf Steiner Archiv in Dornach sowie der Kunstsammlung Goetheanum, die die Vorbereitung der Ausstellung durch Recherchen maßgeblich unter- stützt haben. Die bekannten Wandtafeln von Rudolf Steiner, mit denen er seine Vor- träge illustrierte, werden ebenfalls in einer repräsentativen Auswahl gezeigt.

+c5.tif

Rudolf Steiner, 1905, Foto Otto Rietmann, Dokumantation am Goetheanum, Dornach

Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart

Über diese Wandtafeln, die erst lange nach seinem Tod wiederentdeckt wurden, ver- lief die Steiner-Rezeption einer jungen Künstlergeneration. Am Anfang stand Joseph Beuys, dessen Steiner-Lektüre in seinem Werk deutliche Spuren hinterlassen hat. In der Ausstellung »Kosmos Rudolf Steiner« werden neben Beuys 13 weitere Künstler gezeigt, die bislang kaum in diesem Kontext angesiedelt und interpretiert wurden. Doch durch die Begegnung von historischen Dokumenten mit zeitgenössischen Exponaten werden Bezüge überraschend offensichtlich. Der isländische Künstler Olafur Eliasson beschäftigt sich beispielweise mit vielen Fragestellungen, die auch Steiner fesselten. Die Herangehensweise an naturwissenschaftliche Phänomene durch ästhetische Anschauung verbindet Steiner ebenso mit Eliasson.

Andere Künstler wie Claudia Wieser oder Bernd Ribbeck setzen sich mit der Vorstellung des Geistigen und dessen Verhältnis zur Materie auseinander. Bei Tony Cragg wird Steiners Idee der Metamorphose unter anderem Vorzeichen anschaulich. Sowohl auf inhaltlicher wie auf formaler Ebene sind die Verbindungen zum Kosmos Rudolf Steiner vielfältig. Dennoch verstehen sich alle eingeladenen Künstler, darunter Katharina Grosse, Carsten Nicolai, Anish Kapoor, Giuseppe Penone, Jan Albers und Manuel Graf, nicht als anthroposophische Künstler. Ihr Werk erschließt sich auch oh- ne den Bezug zu Steiner. Für die Ausstellung stellt sich deshalb vielmehr die übergeordnete Frage, welche Funktionen Steiner und die besagten Künstler in ihrer Zeit einnehmen.In Interviews, die sich in dem gemeinsamen Katalog von den Kunstmuseen in Wolfs- burg und Stuttgart wiederfinden, äußern sich die Künstler zu ihrem jeweiligen Zugang zu Steiner. Dabei wird deutlich, dass Steiner als Philosoph und weniger als Künstler und Gestalter anregend wirkte.

+c1_2.tif

Armlehnstuhl, Oswald Dubach zugeschrieben um 1935, Foto Andreas Sütterlin

Das wiedererwachte Interesse an Steiner außerhalb der anthroposophischen Gemeinde erklärt sich durch dessen gespaltene Haltung zur Moderne: Er war zwar allen neuen Techniken und Forschungen zugewandt und doch baute er seine Lehre auf einem mythischen Menschheitswissen auf. Sämtliche ausgewählten Künstler der Ausstellung vollziehen auf ihre Weise diese Dialektik der Moderne nach und reagieren mit ihren Werken auf eine globalisierte, hoch technisierte und spezialisierte Welt: Diese Reaktion weist erstaunliche Parallelen zur Reformbewegung des vergangenen Jahrhunderts auf.

 

 

 

Kunstmuseum Stuttgart

Rudolf Steiner
Die Alchemie des Alltags

Rudolf Steiner (1861–1925) gründete die anthroposophische Bewegung, rief die Waldorfschule ins Leben, förderte alternative Medizin, setzte sich für nachhaltige Landwirtschaft ein, schuf außergewöhnliche Möbelentwürfe und prägte einen Baustil, der wie eine Vorwegnahme zeitgenössischer Architektur wirkt. Anhand historischer Dokumente, Möbel, Filme und Architektur≤ modelle macht der vom Vitra Design Museum konzipierte Ausstellungsteil deutlich, wie umfassend der Steinersche Ansatz gewirkt hat, so dass sich sein ganzheitliches Denken gerade heute in vielen gesellschaftlichen Bereichen wiederfindet.

+c1_5.tif

Bernd Ribbeck, ohne Titel, 2009

Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart

Rudolf Steiner war nicht nur selbst künstlerisch tätig, er beeinflusste auch bedeutende Künstler seiner Zeit wie Wassily Kandinsky. Dieser Einfluss hält bis heute an: Joseph Beuys studierte Steiners Schriften sehr genau und auch bei vielen jüngeren Künstlern lassen sich Bezüge zu Steiners Gedankenwelt aufzeigen. Die eingeladenen Gegenwartskünstler verstehen sich nicht als Anhänger der Steinerschen Lehre; ihre Werke sind vielmehr als Reaktion auf eine globalisierte, hoch technisierte und spezialisierte Welt zu verstehen. Der gemeinsam mit dem Kunstmuseum Wolfsburg entwickelte Ausstellungs≤ teil zeigt Werke von Jan Albers, Joseph Beuys, Tony Cragg, Olafur Eliasson, Helmut Federle, Manuel Graf, Katharina Grosse, Anish Kapoor, Kalin Lindena, Simon Dybbroe Møller, Carsten Nicolai, Giuseppe Penone, Bernd Ribbeck und Claudia Wieser.