Schule als „sicherer Ort”

Waldorfpädagogik als Notfallpädagogik im interethnischen Konflikt in Südkirgisistan

In der zweiten Novemberhälfte 2010 führte ein elfköpfiges Notfallteam1 der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.” zusammen mit Mitarbeitern der anthroposophisch-heilpädagogischen Einrichtung „Nadjeschda” in Bishkek eine vierzehntägige traumapädagogische Krisenintervention in vier Schulen der südkirgisischen Provinzhauptstadt Osch durch. Der notfallpädagogische Einsatz kam auf Einladung des kirgisischen Bildungsministers zustande und wurde vom kirgisischen Ausbildungsdepartment organisatorisch vorbereitet.

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Eurythmie einmal anders

 

Notfallpädagogik in den Schulen von Osch

„Unsere Schüler sind plötzlich unkonzentriert, passiv, unmotiviert und merkwürdig unselbständig. Sie haben keine Lust zum Lernen und können keine Regeln mehr einhalten. Die meisten Schüler sind schreckhaft, weinerlich und haben starke Ängste. Unseren Lehrern fallen viele Krankheiten der Schüler auf: Übelkeit, Kopfschmerzen, Essprobleme und Schlafstörungen!”, berichtet der Schulleiter Hpdjiburaeb Avazbek Hatamjanovich über die Veränderungen des Schülerverhaltens nach den Ereignissen im Sommer 2010.

Vor diesem Hintergrund entsandten die „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.” auf Anfrage des kirgisischen Bildungsministers Sadykov Kanat Jalilovitch ein notfallpädagogisches Kriseninterventionsteam. Zusammen mit Mitarbeitern der heilpädagogischen Einrichtung „Nadjeschda” aus Bishkek sollte auf Grundlage der Waldorfpädagogik Kindern und Jugendlichen bei der Überwindung ihrer Traumata geholfen werden. Außerdem sollten Methoden pädagogischer Traumaarbeit in besonders betroffenen Schulen der Konfliktregion eingeführt werden. Organisiert wurde der Einsatz vom kirgisischen Ausbildungsdepartment unter der Leitung der ehemaligen Präsidentschaftskandidatin und stellvertretenden Bildungsministerin Gaisha Ibragimova.

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Formenzeichnen

Pädagogische Traumaarbeit mit Schülern, Eltern und Lehrern

Im Zentrum der notfallpädagogischen Krisenintervention standen Kunst, Rhythmus und Bewegung. Der Aufbau der Interventionen war ritualisiert und der Tagesablauf rhythmisiert, um den Schülern durch äußere Strukturelemente Halt, Sicherheit und neue Orientierung zu geben. Begonnen und abgeschlossen wurde in einem gemeinsamen Auftakt- und Abschlusskreis mit Liedern, eurythmistischen Übungen und Sprüchen. Dazwischen wurden zwei Workshop-Einheiten durchgeführt, wobei Formenzeichnen, rhythmische Übungen, Eurythmie, Kunsttherapie und Erlebnispädagogik angeboten wurden. Am jeweils letzten Arbeitstag erfolgte im Abschlusskreis eine kurze Präsentation von Arbeitsergebnissen der Workshops. Die Lehrer der Schulen wurden in einem „Learning-By-Doing-Verfahren” so weit wie möglich in die Arbeit mit den Schülern integriert.

Eltern verstehen nach traumatischen Ereignissen oft das Verhalten ihrer Kinder nicht mehr und reagieren meist mit ungeeigneten pädagogischen Maßnahmen. Deshalb wurden an den Schulen in Osch individuelle Elternberatungen durchgeführt und einzelne Kinder durch ihre Eltern der Ärztin und Psychologin vorgestellt. Darüber hinaus erfolgte Psychoedukation und Erziehungsberatung in Form eines Elternseminars mit dem Ziel, eine Eltern-Lehrer-Selbsthilfegruppe zu installieren.

Auch die Lehrer sind traumatisiert. An die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Eltern schloss sich deshalb eine jeweils dreitägige Seminararbeit mit dem jeweiligen Lehrerkollegium an. Arbeitsthemen waren Psychotraumatologie, Notfallpädagogik und Fragen der Unterrichtsgestaltung für traumatisierte Schüler. Neben den inhaltlichen Beiträgen standen auch künstlerische Aktivitäten, Bewegung und rhythmische Übungen im Mittelpunkt. Eine ganztägige Seminareinheit für die Lehrer der vier Schulen widmete sich der Frage nach der Gestaltung der Schule als „sicherer Ort”.

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Das Team

Schule als „sicherer Ort”

Um traumatische Erlebnisse verarbeiten und in die eigene Biografie integrieren zu können, bedarf es eines Ortes, an dem man sich sicher weiß, denn Schutz und Sicherheit heilen! Schule kann zu einem solchen Ort der Sicherheit werden, von dem eine Stabilisierung ausgeht. Dabei sind strukturgebende Elemente zu berücksichtigen, die eine Schule zu einem sicheren Ort werden lassen.

Auf der physischen Ebene kann die klare Strukturierung von Räumen viel zur Entspannung und Stabilisierung beitragen. Dazu gehört die anregende kreative Gestaltung des schulischen Außengeländes mit Bewegungs- und Spielzonen sowie Ruheräumen ebenso wie architektonische Formen des Schulgebäudes. Dies trifft auch auf die Strukturierung des Klassenzimmers zu. Eine feste Sitzplatzordnung ist für traumatisierte Kinder ebenso wichtig wie die Reduktion von Gegenständen und Materialien. Sie benötigen auch eine konkrete Vorgabe für die Strukturierung ihrer Hefte. Die äußere Ordnung des Raumes wirkt innerer Chaotisierung entgegen, schützt vor Ablenkung und hilft wahrnehmungsgestörten Kindern, den Überblick zu bewahren. Deshalb sind geschlossene Schränke offenen Regalen vorzuziehen. Klarheit, Transparenz und Ästhetik heilen!

Auf der Zeitebene geht es um die Rhythmisierung und Ritualisierung der einzelnen Unterrichtsstunden, des Tagesablaufes, des Wochenverlaufs, des Monats und des Jahreskreislaufes. Jede Unterrichtsstunde sollte von einem rhythmischen Atem durchzogen sein, der neben freien Gesprächsmöglichkeiten (Morgenkreis) kognitive Elemente (Lernstoff), rhythmische Elemente (Lieder, Gedichte, rhythmische Übungen) und Eigenaktivitäten des Schülers (Handlungselemente) enthält. Rhythmus und Ritualisierung heilen!

Auf der psychischen Ebene geht es vor allem um Beziehungsstrukturen. Die besten pädagogischen Techniken können die Lehrer-Schüler-Beziehung nicht ersetzen. Sie ist die Grundlage und Voraussetzung aller Lernprozesse. Beziehung heilt!

Auf der biografischen Ebene kann Schule zu jenem Ort werden, an dem traumatische Erfahrungen korrigiert werden können. Schule muss zum Raum für positive neue Erfahrungen werden. Ohnmachtserlebnisse müssen durch Erfahrungen der Selbstwirksamkeit und Handlungskompetenz, Beziehungsabbrüche durch neue Bindungserfahrung und Selbstwertprobleme durch Stärkung des Selbstvertrauens ersetzt werden. Solche Korrekturen traumatischer Erfahrungen heilen!

Auch Sprache kann heilen! Traumatisierten Kindern hat es oft die Sprache verschlagen. Sie reagieren auf Ansprache höchst sensibel. Auf der Sprachebene muss der Lehrer auf eine bildhafte, konkrete Sprache mit einfachen Satzkonstruktionen und positiven Formulierungen achten. Werden Raum-, Zeit-, Beziehungs-, biografische Strukturen und Sprachstrukturen in der Gestaltung von Schule und Unterricht beachtet, kann Schule zu einem „sicheren Ort” werden.

Bernd Ruf