Verwandeln des Lebens

Erinnerungen an Rudolf Steiner

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Viel wurde in diesem Jahr, im 150. Jubiläumsjahr von Rudolf Steiner, über ihn, den Begründer der Anthroposophie und sein Werk berichtet in Ausstellungen, Vorträgen und Aktionen. Verschiedene Biografien sind neu erschienen oder neu aufgelegt worden, die ihn aus unterschiedlichen Blickwinkeln in seinen bedeutenden Facetten seines Wirkens und Wesens als Philosophen, Pädagogen, Künstler und Forscher der Geisteswissenschaften beschreiben.

Eines der literarisch stark berührenden Werke ist das Erinnerungsbuch „Verwandeln des Lebens“ des russischen Dichters und Symbolisten Andrej Belyj (1880-1934), der von 1912 bis 1916 in unmittelbarer Nähe von Rudolf Steiner lebte und ihn auf seinen zahlreichen Vortragsreisen, wie auch andere von seinen Impulsen angetane Zeitgenossen, begleitete. Belyj konnte Steiner in seiner spirituellen Lehrtätigkeit und persönlichen Beratungen in engstem Kreise wahrnehmen, in seinem Schaffen für den Bau des Goetheanums beobachten, seinem Forschen, seinen Auseinandersetzungen mit der Anthroposophischen Gesellschaft erleben – in all seinen unzähligen Wirkungsstätten, die dieser innehatte. Der für seine Sprachbrillanz vielgerühmte russische Dichter hat seine Erinnerungen an die Zeit mit Steiner in einer kurzen Zeit von Weihnachten 1928 bis in die ersten Januartage 1929 niedergeschrieben – Jahre nach dem Zusammentreffen mit Steiner. Seine Schilderungen sind dennoch lebhaft, respektvoll, teilweise mit einer Spur Humor, in seiner Bewunderung zu ihm jedoch nie devot oder gar hagiografisch.

Inhaltlich gegliedert, bündelt er seine Beschreibungen in Rudolf Steiner und sein Wirken, den Menschen, den Vortragsredner und Pädagogen, seine Schüler, Dornach und das Thema Christus. Somit bekommt der Leser Kenntnisse von der Person, seinen Inhalten, die er gelehrt hat, der Pionierzeit beim Bau des Goetheanums in Dornach mit einer Schar von Freiwilligen aus nahezu 20 Nationen zur Zeit des ersten Weltkrieges, als auch durch biografische Skizzen seiner Schüler und anderen Tätigen von Menschen in seiner Umgebung. Dies geschieht in der Erkenntnis, dass weder alle Facetten seiner Erscheinung aufgeschrieben, noch das diese kategorisiert werden könnten. Auch könnten die wichtigsten Augenblicke, die er schriftlich festhalten wollte, nicht niedergeschrieben werden, denn so stellte Belyj fest: „Doktor Steiner begann in den Herzen gerade erst dann zu sprechen, wenn alle Worte zu Ende waren.“ Eine Erkenntnis, die ihn als Romancier wohl lange beschäftigt haben mag. Trotzdem ist ihm ein großartiges biografisches Werk gelungen, dass die zu beschreibende Persönlichkeit Steiners in seinen Erzählungen auf bezaubernde Weise lebendig werden lässt. Wer dies liest, falls dies nicht bereits vorher der Fall gewesen sein sollte, hätte Steiner gerne näher kennengelernt. Das wohl auch, weil Belyj die Geschehnisse kritisch als auch selbstkritisch zu betrachten vermochte, ohne das Faszinosum, was von dem großen Geisteswissenschaftler ausgegangen ist, dem, der so viel mehr wusste und wenn er nicht mehr wusste, immer danach gestrebt hat, neue Erkenntnisse darüber zu erlangen, um diese dann gleich darauffolgend wieder fruchtbar umzusetzen, damit zu beeinträchtigen.

Das im Original in russischer Sprache verfasste Werk wurde von Swetlana Geier (1923-2010), die mehrfach für die Neuübersetzungen der großen Romane Dostojewkskijs ausgezeichnet wurde, meisterhaft übersetzt. Die „Verwandlungen des Lebens“ wurden 1975 erstmals veröffentlicht und 2011 in einer Neuausgabe mit einem ausführlichen Kommentarteil aktualisiert.

red./Michaela Frölich

Andrej Belyj: Verwandeln des Lebens. Erinnerungen an Rudolf Steiner. Aus dem Russischen von Swetlana Geier. Geb. 460 S., Futurum Verlag, Basel 2011. EUR 24,80.