Wie sieht ein Börsencrash aus?

Das Bild, das uns die Medien über die Finanzkrisen zeichnen, ist hilflos. Dabei gäbe es einen Ausweg.

Eine Glosse.

Die Spiele der Finanzwelt scheinen trotz des mangelnden Durchblicks des Publikums einen hohen Unterhaltungswert zu haben. Beim ähnlich populären Fußballspiel wissen die meisten Zuschauer genau, was gespielt wird, viele kennen sogar die Regeln ganz gut. In der Finanzbranche, so scheint es, ist man da noch auf der Suche. Das Geschehen an den internationalen Finanzmärkten muss aber irgendwie attraktiv herüberkommen, damit sich der naive Beschauer des Geschehens und das sind wir fast alle ein Bild machen kann. Der Durchblick wird zwar immer kleiner, die Summen, um die es geht, steigen dagegen in astronomische Höhen.

Wenn uns die große Welt der Finanzen in unseren Bilder flutenden Medien ‹verkauft› wird, dann boomt und kracht es, Blasen entstehen und platzen einfach so. Die Wirtschaftsredakteure haben Mühe, sich immer neue Vokabeln einfallen zu lassen, um die zunehmenden Krisen zu beschreiben, zumal diese zumeist nach dem gleichen Muster ablaufen. Und wie schwer haben es erst die Bildredakteure, die in Rechenzentren geheimnisvoll verborgenen Finanzoperationen, die Entscheidungen in abgeschirmten Konferenzräumen optisch wirksam darzustellen! In ruhigen Zeiten genügen meist die protzigen Firmenschilder vor Konzernzentralen oder die imposante Skyline der Bankenviertel, ratternde Gelddruckmaschinen oder Bildschirmwände in den Börsensälen, um das Thema angemessen zu bebildern.

In Krisensituationen tun sich jedoch unglaubliche Gefühlswelten auf. Da wird gejubelt, gestöhnt und geächzt und gelitten. Börsianer sitzen mit verzweifelten Mienen vor den dramatisch erscheinenden Zickzackkurven auf den Großbildschirmen. Gestandene Männer jagen ratlos über das Parkett und scheinen sich die Haare zu raufen, als ob all ihr Hab und Gut verloren sei. So emotional wirken die Zahlenreihen, dass man den Eindruck bekommt, hier ist nicht die Börse, hier ist Dschungelkampf. Um das Drama noch dramatischer darzustellen, gibt es ein beliebtes Mittel: Die Zeitachse von Kurvendiagrammen wird so verkleinert, dass die Steigerungen und der Fall der Daten besonders steil erscheinen. Da stürzen die Aktien ins Bodenlose, da wird Geld vernichtet oder gar verbrannt, als ob die Börsianer Euroscheine als Zigarettenpapier verwenden. Dabei wandert das Geld virtuell hin und her, wohin, das weiß niemand genau zu erklären, da fehlen die Bilder.

Wenn es um den Euro geht, ist oft das riesige Emblem vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt ein Erkennungszeichen für die aktuellen Finanzprobleme. Die Sterne, die um das Eurozeichen herum drapiert sind, sollen uns wohl sagen: Die Zukunft des Euros steht in den Sternen. Und in den bewegten Bildern der ‹Tagesschau› sieht man, wie die Staatsmacht rettet, wo sie nur kann, und es werden die beruhigenden Gesten von Sarkozy und Merkel gezeigt. Der griechische Ministerpräsident Papandreou weist mit vertrauenswürdigem Blick auf, dass sein Land die Krise meistert. Berlusconi verkündet mit etwas angestrengt süßlichem Lächeln, dass Italien rosigen Zeiten entgegenblickt. Mit seelenruhigem Gehabe werden immer größere Rettungsschirme aufgespannt, wo das Wasser eigentlich schon bis zum Halse steht.

Eine echte Vision ist aus den Darstellungen der Medien nicht zu erkennen, sie bilden nur die Ratlosigkeit der Akteure ab. Die realen Auswirkungen der Finanzbranche werden kaum visualisiert. Bei der Pleite der Lehman-Bank in New York zeigte man immerhin Broker mit gesenkten Köpfen und Pappkartons die Wall Street entlang laufen. Ein trauriges Bild. Das ganze Kartenhaus, System genannt, drohte zusammen zu brechen. Schon bald aber sahen die Schilder der staatlich geretteten Geldhäuser wieder so blank poliert aus wie vor der Krise. Dabei ließe sich die immer größere Schere zwischen Arm und Reich gut im Kontrast darstellen: Die Wolkenkratzer der Finanzbranche, die Paläste der Geldanleger, könnten mit Bildern hungernder Menschen in ihren Blechhütten gezeigt werden. Die jüngsten dramatischen Bilder aus Großbritannien von plündernden Jugendlichen, denen die Geldbranche offensichtlich ein schlechtes Beispiel vorgelebt hat, gehören ebenfalls in diesen Zusammenhang.

Ernst Ullrich Schultz

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie  Nr. 38/2011