Finanzierung Freier Schulen:

Baden-Württemberg an letzter Stelle

Privatschulfinanzierung im Kalkül staatlicher Unterfinanzierung und der Wettbewerbsbeschränkung

Schulen in freier Trägerschaft verzeichnen eine anhaltend hohe Nachfrage und er-weisen sich als genauso leistungsfähig wie staatliche Schulen – doch dies zu deutlich geringeren Kosten. In Teilen der Öffentlichkeit werden sie hingegen als „Reichen-schulen“ angesehen, die die soziale Segregation fördern würden, weil sie für die Auf-rechterhaltung des Schulbetriebs Schulgelder erheben. Doch die Notwendigkeit von Schulgebühren resultiert aus der systematischen Benachteiligung der Privatschulen durch die öffentliche Hand. Privatschulen haben zwar als anerkannte Ersatzschulen Anspruch auf eine staatliche Finanzhilfe, in nahezu allen Bundesländern liegen je-doch die von der öffentlichen Hand bereitgestellten schulartenspezifischen Förderbe-träge je Schüler oft weit unter den Ausgaben, die von den Ländern für einen Schüler einer entsprechenden staatlichen Schule ausgegeben werden. Die über alle Schulfor-men gemittelte Differenz zwischen beiden Positionen beträgt zwischen 493 Euro pro Schüler in Brandenburg und 2.949 Euro pro Schüler in Baden-Württemberg. Die Privatschulen entlasten daher die Bildungsbudgets der Bundesländer um rund 1,2 Milliarden Euro. Überdies erfasst die staatliche Kostenrechnung – als Bemes-sungsgrundlage der Finanzhilfe – einen Teil der tatsächlich anfallenden Kosten nicht. Damit geraten Schulen in freier Trägerschaft in eine doppelte Finanzierungsklemme. Die öffentliche Hand wird hingegen sogar um insgesamt rund 2,4 Milliarden Euro allein bei den allgemeinbildenden Schulen entlastet. Allerdings lassen die Länder die Wettbewerbseffekte, die sich durch eine realitätsgerechte Förderung von freien Schulträgern ergeben können, als wichtigen Ansatzpunkt zur Verbesserung des Schulsystems völlig ungenutzt.

Bedeutung von Privatschulen in Deutschland

In der internationalen Bildungsforschung wird schon seit geraumer Zeit der Frage nachge-gangen, in welchem Zusammenhang schulinstitutionelle Regelungen – zu denen auch die Schulträgerschaft zählt – mit den Schülerleistungen stehen. Von einer systematischen Pri-vatschulforschung für den deutschen Raum kann, von wenigen Studien abgesehen, bisher nicht die Rede sein. Die PISA-Daten stehen unter Verschluss der Kultusministerkonferenz. Noch immer wird daher weitgehend mit Datenmaterial argumentiert, das zehn Jahre alt ist, obwohl inzwischen weitere Schülerleistungsvergleiche und Kontextanalysen durchgeführt worden sind.

Die wesentlichen Befunde lassen sich wie folgt beschreiben: Empirische Analysen auf Da-tenbasis der PISA-Studie 2000 für Deutschland signalisieren einen Leistungsvorteil von Schülern an privaten (hier: konfessionellen) Haupt- und Realschulen gegenüber Schülern an staatlichen Schulen, selbst wenn herkunftsbedingte Merkmale berücksichtigt werden (Weiß/Preuschoff, 2004, 2006; Standfest et al., 2005). An den Gymnasien finden sich da-gegen in diesen Untersuchungen keine statistisch abgesicherten Unterschiede in den Schü-lerleistungen. Nach Wößmann (2005, 24) schneiden die Schüler an Schulen in freier Trä-gerschaft grundsätzlich in allen Kompetenzbereichen signifikant besser ab als Schüler an staatlichen Schulen, auch nachdem die Einflüsse zahlreicher weiterer Faktoren wie des fa-miliären Hintergrunds herausgerechnet worden sind. Dronkers und Avram (2009, 905) be-legen ebenfalls, dass Schüler an staatlich finanzierten Privatschulen in Deutschland bessere Leseleistungen erbringen als Schüler an staatlichen Schulen. Auch in dieser Untersuchung sind die Befunde robust, wenn man die herkunftsbedingten Unterschiede der Jugendlichen berücksichtigt. Zusammengenommen sprechen die empirischen Befunde dafür, dass im Durchschnitt private Schulen einen Qualitätsvorteil gegenüber staatlichen Einrichtungen aufweisen.

Dass gute oder bessere Leistungen nicht gleichbedeutend mit weniger Chancengerechtig-keit oder einem weniger rücksichtsvollen Schulklima einhergehen müssen, belegt ebenfalls eine Reihe von Studien. So können gerade Schüler aus benachteiligten Familien oder mit unterschiedlichen Lernproblemen in privaten Einrichtungen durch besondere Beachtung gefördert werden, sodass sowohl das durchschnittliche Niveau als auch der Grad der Chan-cengerechtigkeit höher sind (Schütz et al., 2005; Möller, 2006; Corten/Dronkers, 2006). Weiß und Preuschoff (2004, 63; 2006, 67 f.) sowie Weiß (2011, 46 f.) konstatieren, dass sich Schulen in freier Trägerschaft bei der Förderkultur, dem Schulklima und der Zufrie-denheit mit dem Schulangebot positiv von staatlichen Schulen abheben. Alle drei Ge-sichtspunkte, die sich auf die Wirksamkeit der Gestaltung von Lernprozessen auswirken, spielen für viele Eltern eine erhebliche Rolle bei der Schulwahl. Privatschulen sind daher für viele Familien eine attraktive Alternative zum staatlichen Schulangebot.

Vor diesem Hintergrund ist wenig verwunderlich, dass die Anzahl der Schüler an allge-meinbildenden Schulen in freier Trägerschaft seit 1992 um 65 Prozent von 450.000 auf 705.000 im Jahr 2009 gestiegen ist. Damit erhöhte sich der Privatschüleranteil von 4,8 Prozent auf 7,9 Prozent. Hinzu kamen im Jahr 2009 weitere rund 240.500 Schüler an beruflichen Privatschulen; dies entspricht 8,7 Prozent aller Schüler an beruflichen Schulen (Statistisches Bundesamt, 2010 b). 2/2011

Helmut E. Klein, Juni 2011