Die Plastiktüte - Symbol unserer Wegwerfgesellschaft

Früher wurden sie überwiegend kostenfrei an der Supermarktkasse ausgegeben, heute zahlen Verbraucher meist 10 bis 15 Cent für sie, doch in Kauf- und Warenhäusern erhält man sie nach wie vor kostenlos: Die Rede ist von der Plastiktüte.

Wer kennt ihn nicht, den berühmten Jutebeutel. Erfunden wurde er in den 1970er Jahren und noch in den 1980ern hieß es „Jute statt Plastik“. Hinter dem Slogan, der zum Synonym für die Alternativbewegung wurde, stand die Forderung, auf Plastiktüten zu verzichten und stattdessen wiederverwertbare Jutebeutel zu verwenden. Später wurde der Jutebeutel durch leichtere und im Design ansprechendere Baumwolltaschen ersetzt. Mindestens so alt wie der Spruch ist die Erkenntnis, dass Plastiktüten überflüssig sind, Alternativen gibt es zu Genüge. Doch was ist aus der Idee geworden, Plastiktüten durch wiederverwertbare ökologischere Tragetaschen zu ersetzen? Nicht viel, die Plastiktüte ist nach wie vor das Symbol unserer Wegwerfgesellschaft.

Gebrauchsdauer von wenigen Minuten

In Deutschland werden pro Kopf und Jahr rund 65 Plastiktüten verwendet. Das ist zwar im Vergleich zum Pro-Kopf-Plastiktütenverbrauch in Italien (300 Tüten) und Australien (161 Stück) wenig. Doch rechnet man die Zahl auf die Gesamtbevölkerung um, werden in einem Jahr in Deutschland allein mehr als fünf Milliarden Tüten verbraucht! Und dabei beträgt die durchschnittliche Nutzungsdauer einer Tüte gerade einmal 25 Minuten. Nun wäre dies ein geringes Problem, wenn die Tüte im ständigen Umlauf bliebe. Leider werden Plastiktüten jedoch kaum wiederverwertet. Der überwiegende Teil aller Plastiktüten landet in der Natur oder im Müll. Im besten Falle wird sie der Gelben Tonne zugeführt und in Teilen recycelt oder in der Müllverbrennungsanlage verbrannt. Endet sie jedoch im Restmüll und landet auf der Deponie, braucht die Tüte zwischen 100 und 400 Jahre, um in kleinste Teilchen zu zerfallen – vollständig auflösen tut sich eine Plastiktüte nicht.

Dass die Plastiktüte hierzulande nicht verboten oder zumindest abgabepflichtig ist, hat auch damit zu tun, dass die Tüte einige Vorteile bietet. Dazu gehören ihre kostengünstige Herstellung, ihre hohe Festigkeit und Wasserbeständigkeit, ihr geringes Gewicht. Überdies eignet sie sich gut als Werbeträger für Unternehmen, die ihr Logo aufdrucken lassen. Doch die Nachteile überwiegen. Plastiktüten werden energieintensiv aus Wasser und dem nicht-nachhaltigen Rohstoff Erdöl hergestellt, sind selbst nach 100 bis 400 Jahren nicht vollständig biologisch abbaubar, sondern zerfallen in kleine Teile und bei ihrer Zersetzung werden giftige, erbgutschädigende Stoffe wie Bisphenol A oder Phtalate freigesetzt.

Planet Plastik

Weltweit werden laut dem UN-Umweltprogramm 225 Millionen Tonnen Plastik hergestellt. Davon landet ein großer Teil in der Natur und wird über Flüsse ins Meer geschwemmt. Mittlerweile sind in Atlantik und Pazifik ganze Plastik-Inseln entstanden. Mehr als sechs Millionen Tonnen Plastik verschmutzen Küsten und Weltmeere und vergiften die Fische, die die Kleinteile für Nahrung halten. Durch die Plastikkleinteilchen zerstechen sie sich den Magen-Darm-Trakt oder verhungern.

Vor allem Plastiktüten und PET-Flaschen treiben in den Meeren rund um den Globus und machen bis zu 80 Prozent der Meeresverschmutzung aus. Und da Meere meist internationales Gewässer sind, fühlt sich auch keine nationale Regierung zuständig. Die Organisation „Sea Education Association“ (SEA) stieß bei ihrer Expedition im Atlantik auf einen Plastikteppich mit ca. 200.000 Plastikteilchen pro Quadratkilometer. Der Teppich wächst seit den 1960er Jahren und hat schätzungsweise eine Größe erreicht, die der doppelten Fläche des US-Bundesstaates Texas entspricht. Der Film „Plastik World“ des österreichischen Regisseurs Werner Boote schildert eindrücklich die Problematik.

Hätten wir die Bilder der riesigen, im Meer schwimmenden Plastikinseln oder die durch Plastikteilchen in ihren Mägen verendenden Fische vor Augen, wir würden wohl auf die ein oder andere Tüte mehr verzichten, die uns im Kaufhaus kostenlos angeboten wird. Doch trotz der Problematik und zahlreicher Plastiktüten-Verbote in anderen Ländern, wird in Deutschland kaum über stärker regulierende Maßnahmen diskutiert. Die Begründung ist zum einen der Grüne Punkte, durch den Plastiktüten in ausreichendem Maße getrennt gesammelt und entsorgt würden, und zum anderen werden die Abgaben für Plastiktaschen in vielen Supermärkten angeführt, die dazu führen sollen, dass Verbraucher weniger Tüten in Anspruch nehmen.

Plastiktüten in manchen Ländern verboten

Beispiele aus anderen Ländern zeigen, dass es auch anders geht. Italien ist bisher europäischer Spitzenreiter mit einem Jahresverbrauch von 20 Milliarden Tüten. Hier sind seit Anfang 2011 Plastiktüten gänzlich verboten. Jetzt dürfen nur noch Papiertüten oder biologisch abbaubare Tüten abgegeben werden.

Auch in San Francisco dürfen seit März 2007 in großen Supermärkten nur noch Stoff- oder Papiertaschen abgegeben werden. Seit Juli 2010 gilt dies auch für Los Angeles, wo keine Plastiktüten mehr kostenfrei ausgegeben werden dürfen, außer sie sind aus Papier oder aus biologisch abbaubarem Plastik. Ansonsten drohen Geldstrafen von 100 bis 500 Dollar.

Zwar nicht vollständig verboten, dafür aber steuerpflichtig sind Plastiktüten seit 2002 in Irland. Durch die Einführung der Plastiktüten-Steuer reduzierte sich die Menge der vergebenen Tüten um 90 Prozent, im Jahr nach der Einführung wurden ganze 277 Millionen Tüten weniger ausgegeben. Selbst in China, das nicht gerade für seine hohen Umweltstandards bekannt ist, dürfen dünne Plastiktüten gar nicht und dickere nur abgabepflichtig ausgegeben werden. Weitere Verbote gibt es in Frankreich, aber auch in Entwicklungsländern wie Bangladesch, Mexiko oder Sansibar. In Bangladesch, wo die Tüten bereits seit 2002 verboten sind, verstopften sie oft die Abwasserkanäle, was vor allem in der Monsunzeit zu Überschwemmungen führte.

Mehrweg ist die beste Alternative

Die Alternativen zur herkömmlichen Plastiktasche sind zahlreich. Vorsicht geboten ist jedoch bei Plastiktüten aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais, Kartoffelstärke oder Zucker. Diese sind zwar biologisch abbaubar, werden aber mit einem hohen Energieaufwand hergestellt, was in ihrer Ökobilanz negativ zu Buche schlägt. Auch problematisch ist, dass der Anbau von Pflanzen für Kunststoffe in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion steht. Im Rahmen einer Studie von Forschern der Universität von Pittsburgh wurde herausgefunden, dass unter Berücksichtigung von Material und Lebenszyklus Kunststoffe auf Pflanzenbasis ebenso umweltschädlich sind wie solche aus Erdöl. Zwar sind erstere biologisch abbaubar, weniger toxisch und aus erneuerbaren Ressourcen, doch der Anbau der Rohstoffe und die chemische Verarbeitung in der Produktion - plus der Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden – machen ihre Vorteile wieder zunichte. Außerdem werden „kompostierbare“ bzw. „biologisch abbaubare“ Plastiktragetaschen häufig wieder aus der Biotonne aussortiert und landen in der Müllverbrennung.

Die nachhaltigste Alternative zur Plastikeinkaufstüte ist deshalb die wiederverwertbare Tasche. Es muss nicht gleich der Jute-Beutel sein. Attraktive Alternativen gibt es genügend, vom Rucksack über den trendig bedruckten Stoffbeutel zum Einkaufskorb bis hin zu einem zusammenknüllbaren Einkaufsnetz. Wiederverwertbare Stoffbeutel, Rucksack & Co. sind die beste Alternative zur Plastiktüte und leisten einen kleinen aber wertvollen Beitrag für einen nachhaltigeren Einkauf.

Dr. Melanie Weber-Moritz

Quelle: Verbraucher konkret Nr. 1/2011