Die Mär vom unbezahlbaren Ausstieg

Der Super-GAU in Fukushima hat die Energiefrage schlagartig ins Zentrum öffentlicher Aufmerksamkeit katapultiert. Die Energiedepesche analysierte die häufigsten Ausreden der Ausstiegs-Skeptiker.

Verbraucher als Geisel

Mit Schreckenszahlen von einem unausweichlichen Strompreisanstieg versuchen die Atomkonzerne, die Verbraucher für die Atomkraft zu instrumentalisieren: Strompreise, Investitionen in Kraftwerke und Leitungen, Umlagen für Erneuerbare. Doch die Strompreise für Verbraucher müssen durch die Stilllegung von Atomkraftwerken nicht zwingend steigen. Denn die Atomkonzerne haben ihre günstigen Erzeugungskosten für Atomstrom als satte Gewinne eingestrichen und ihren Preisvorteil de facto nie an die Verbraucher weitergegeben. Die Gewinne der drei Atomkonzerne sind von 5,7 Milliarden im Jahr 2002 auf über 23 Milliarden Euro 2009 gestiegen.

Was der Ausstieg kosten darf?

60 Prozent der Deutschen würden für einen Ausstieg aus der Kernenergie monatlich bis zu zehn Euro zahlen, ergab eine Umfrage für den „Stern“. 20 Prozent würden bis zu 30 Euro, sechs Prozent bis zu 50 Euro mehr für Strom zahlen. Ein Prozent nähme sogar Mehrkosten bis zu 100 Euro in Kauf.

Branchenverband für Ausstieg

Selbst die Branche empfiehlt den Ausstieg: Der Bundesverband der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) empfiehlt, möglichst bis 2020 und spätestens entsprechend dem rot-grünen Ausstiegsbeschluss 2022 bis 2023 den letzten der 17 deutschen Kernreaktoren vom Netz zu nehmen. Der Dachverband BDEW umfasst alle Versorgungsunternehmen, darunter Stadtwerke und Regionalversorger, aber auch Atomkonzerne. Bei dem Anti-Atom-Beschluss setzten sich die Stadtwerke, Regionalversorger und Gaslieferanten im Verband gegen die Kernkraftlobby durch. E.on und RWE tragen den Beschluss nicht mit und halten die Festlegung für einen Fehler.

Laut Branchenverband wollen die Energieunternehmen bis 2019 insgesamt 51 neue Kraftwerke bauen oder bestehende Anlagen erweitern, davon 14 große Regenerativanlagen. 18 der neuen Kraftwerke sind bereits im Bau. Für 13 weitere Projekte liegen Genehmigungen vor, darunter allein zehn große Windparks. Zu den 51 konkreten Projekten kommen 15 weitere hinzu, für deren Inbetriebnahme noch kein Termin feststeht.

Gibt es eine Stromlücke?

Unterdessen warnen die Atomkonzerne und einige mit ihnen verbundene Institute und Gutachter vor dem Abschalten der sieben ältesten und weiterer Atomkraftwerke. Sie zeichnen ein Schreckensszenario, nach dem Deutschland Strom aus anderen Ländern importieren muss, Blackouts von mehreren Tagen drohen und die Verbraucher zudem höhere Strompreise berappen müssen.

Der Monitoringbericht der Bundesregierung rechnet damit, dass bis 2015 einer gesicherten Kraftwerksleistung von 117 Gigawatt eine Last von 77 Gigawatt gegenübersteht. Die Abschaltung von sieben Gigawatt Atomkraftwerksleistung fällt dabei nicht ins Gewicht.

Studien des Öko-Instituts und von Prognos bestätigen, dass Atomkraftwerke verzichtbar sind. Zu dem gleichen Schluss kommen Untersuchungen des Umweltbundesamtes sowie der Grünen Bundestagsfraktion, die auf einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energieversorgungstechnik (ISET) in Kassel basiert.

Kaltreserve ersetzt Abschaltungen

Eine aktuelle Studie des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) in Stuttgart zeigt, wie der Abschied von den Atomkraftwerken gelingt: Deutschland könnte Kernkraft bis 2020 durch Ökostrom ersetzen und die Stromversorgung vor 2050 voll auf erneuerbare Energien umstellen. Der Anteil der Kernkraft könnte bis 2020 auf null reduziert werden, zwei Jahre schneller als nach dem rot-grünen Atomkonsens. Das Öko-Institut schätzt, dass neben den sieben ältesten und bereits abgeschalteten Meilern zwei weitere Blöcke dank der sogenannten Kaltreserven im deutschen Stromversorgungssystem ebenfalls sehr kurzfristig vom Netz gehen können. Vier weitere Blöcke ließen sich bis 2013 stilllegen – in Kombination mit sogenannten Lastmanagement-Maßnahmen sowie der Inbetriebnahme der Kraftwerke, die bis 2013 ans Netz gehen.

Laut einem Bericht der „Frankfurter Rundschau“ haben E.on, RWE und EnBW in Deutschland sechs Gas- und Kohlekraftwerksblöcke mit zusammen 1.700 Megawatt in Kaltreserve. Ein weiterer 300 Megawatt starker Steinkohleblock sei aus wirtschaftlichen Gründen ausgeschaltet, hieß es.

Die Kraftwerke könnten ohne große Investitionen reaktiviert werden. Dass das nicht passiere, zeige, dass die Betreiber selbst trotz ihrer Warnungen vor Versorgungsengpässen nicht mit dauerhafter Stromknappheit rechneten, so der Bericht.

AKWs einfach wegsparen

Doch schon allein durch Energiesparen kann Deutschland binnen weniger Jahre auf alle Kernkraftwerke verzichten. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Wuppertal-Instituts und des Unternehmensnetzwerks Deneff aus Firmen der Energieeffizienzbranche.

Klimaneutraler Ausstieg

Selbst das Klima muss nicht unter dem schnellen Atomausstieg leiden, betont Jochen Flasbarth, der Präsident des Umweltbundesamts (UBA). Zwar werde derzeit mit dem Atommoratorium in Deutschland etwas mehr Kohle verbrannt, das ändere aber nichts an der europaweit festgelegten CO2-Obergrenze, sagte Flasbarth der „Financial Times Deutschland“. Danach gleiche der Emissionshandel die zusätzlichen Emissionen aus deutschen Kohlekraftwerken automatisch an anderer Stelle aus. Ab 2017 könne Deutschland auf Kernkraft verzichten, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden. Bis dahin seien die nötigen Kohle- und Gaskraftwerke gebaut.

Weitere Kohlekraftwerke seien nicht notwendig, so das UBA. Sie seien zwar effizienter als alte, produzierten aber immer noch zu viel CO2 und würden damit zur politischen Last. Besser wäre es, alte und gegen Feinstaub-Ausstoß aufgerüstete Kohlekraftwerke einige Jahre länger und stärker laufen zu lassen.

Volkszorn gegen Atom

Unterdessen richtet sich der Volkszorn gegen die Atomkraftbetreiber. So demonstrierten mehr als 120.000 Menschen in den vergangenen Monaten erneut gegen Atomenergie. An zwölf Atomanlagen machten Tausende Bürger klar, dass sie die überall im Land lauernde Gefahr nicht länger hinnehmen wollen.

Quelle:

Energiedepesche 2-2011

Literatur

Monitoringbericht der Bundesregierung:

http://tinyurl.com/monitoringbericht

Studien des Öko-Instituts und Prognos:

http://tinyurl.com/wwfstudie

Studie des Umweltbundesamtes:

http://www.uba.de/uba-info-medien/3997.html

Studie der Grünen Bundestagsfraktion:

http://tinyurl.com/studie-zukunftsstrom