Menschheit an der Schwelle

Tagung zu Chancen und Herausforderungen der gegenwärtigen Schwellensituation

Am 24. und 25. Juni 2011 fand die wissenschaftliche Tagung „Menschheit an der Schwelle“ an der Freien Hochschule Mannheim (FHM) statt. Wissenschaftler, Studierende und Interessierte kamen nach Mannheim, um sich über die gegenwärtige Schwellensituation in kulturhistorischer, literarischer und wissenschaftlicher Perspektive auszutauschen. „Die in den kurzen, aber intensiv genutzten Gesprächseinheiten entstandenen lebhaften Diskussionen haben gezeigt, dass es gelungen ist, wesentliche Facetten der Situation der Gegenwart mit ihren Gefahren, Herausforderungen und Chancen auszuleuchten“, resümiert Albert Schmelzer, Leiter des Instituts für Interkulturelle Pädagogik an der Freien Hochschule Mannheim und Mitinitiator der Tagung. Im Zentrum der Veranstaltung standen Vorträge von Roland Benedikter, Reinhard Bode und Albert Schmelzer zu den Themen der menschliche Geist in den zeitgenössischen Wissenschaften, die US-Politik unter Präsident Obama und globale Systemverschiebungen sowie die historische Dimension der Gegenwart und die Schwellensituation der Dichtung des 20. Jahrhunderts.

Gegenwart aus historischer Perspektive

Dr. Albert Schmelzer eröffnete die Veranstaltung mit einem Vortrag über die Gegenwart aus historischer Perspektive. Er zeigte auf, dass die Geschichte der Menschheit als Prozess der Emanzipation aus einer ursprünglich engen Verbundenheit mit der sozialen Gruppe, der Natur und der im Kosmos erlebten Geistigkeit verstanden werden kann. Im Zuge dieses Individualisierungsprozesses bildete sich das selbstbewusste Ich der Moderne aus, das durch Naturwissenschaft und Technik im Kontext eines global agierenden Kapitalismus die natürlichen Ressourcen in einer sich beschleunigenden Geschwindigkeit ausbeutet. Schmelzer betont, dass dieses Paradigma zu einem enormen Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum, aber auch zu gewaltigen sozialen Verwerfungen – rund eine Milliarde Menschen leiden an Unterernährung – und zu den Problemen von Klimawandel und Ressourcenknappheit geführt hat. „Wir sind dabei, unsere eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören.“ Damit stellt sich aus Sicht des Historikers die Herausforderung, die Schwelle zu „neuen Räumen“ zu überschreiten im Sinne einer integralen Spiritualität, welche die Selbsterfassung des Ich hin zur Wahrnehmung seiner Verbundenheit mit der Natur, dem Mitmenschen und der geistigen Dimension der Welt im Sinne einer „Wieder-Einwurzelung“ steigert und zu einer goetheanistischen, ökologisch orientierten Naturwissenschaft und einer zugleich freiheitlichen, demokratischen und solidarischen Sozialgestalt vordringen möchte.

Menschliches Bewusstsein im Focus

Roland Benedikter, Europäischer Stiftungsprofessor für Kultursoziologie und Politische Soziologie an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara und am Europa-Zentrum der Stanford Universität (USA), sprach über den Aufstieg des menschlichen Geistes in den zeitgenössischen Wissenschaften. Die hohe Bedeutung, die der Erforschung des menschlichen Bewusstseins gegenwärtig beigemessen wird, zeigt sich unter anderem an dem interdisziplinären und internationalen Forschungsprojekt „Decade of the Mind“, das in naher Zukunft starten soll, finanziert mit 4 Milliarden US-Dollar aus US-Bundesmitteln.  Laut Benedikter werden die zu erwartenden Forschungsergebnisse eine weit höhere Sprengkraft haben als auf den ersten Blick sichtbar. Bereits heute beginnen die Auswirkungen auf Kultur und humanistisches Denken, und er warnt daher vor voreiligen rein nutzenbezogenen Schlüssen und fordert einen umsichtigen Umgang mit den Forschungsergebnissen. Dies nicht zuletzt mit Blick auf die neue globale Ideologie des Transhumanismus, die in ihrem Streben nach dem technisierten Supermenschen das bisherige Ich-Bewusstsein sowie die Grundlagen des Humanismus zu überwinden suchen. Weitere Vortragsthemen des Politikwissenschaftlers und Amerika-Experten beschäftigten sich mit der US-Politik unter Präsident Obama und den globalen Systemverschiebungen unserer Zeit. Im Mittelpunkt seines Beitrags über die US-Politik stand der Machtübergang von Bush zu Obama im Januar 2009 und der sich damit vollziehende Wandel im Zentrum der anglo-amerikanischen Gesellschaft.  Der in den USA herrschende enge Bezug zwischen Politik und Spiritualität wurde mit dem Regierungsantritt Obamas auf eine neue Grundlage gestellt, erläutert Benedikter. Stand sein Vorgänger George W. Bush noch in der Tradition der so genannten WASP (White Anglo-Saxon Protestant), so fühlt sich Obama der Civil Rights Bewegung unter Martin L. King verbunden.  Benedikter bezeichnet die Spiritualität Obamas als indirekten Brückenschlag zwischen dem Geist der US-Bürgerrechtsbewegung und Aspekten der rationalen Freiheitsphilosophie Zentraleuropas, wie sie auch von Rudolf Steiner vertreten wird. In seinen Ausführungen zu den aktuellen politischen globalen Verschiebungen setzte sich Roland Benedikter mit dem Konzept der sozialen Dreigliederung von Rudolf Steiner auseinander und plädierte für eine Erweiterung des Konzepts von den drei Steiner’schen Dimensionen Politik, Wirtschaft und Kultur auf die sechs Dimensionen Politik, Wirtschaft, Kultur, Religion, Technik und Demografie. Die globale Entwicklung wäre dann als die siebte Dimension zu verstehen, die „das Ganze, das mehr ist als die Summe seiner Teile“ darstellt.

Dichtung reflektiert Bewusstseinsumbrüche

Mit der Schwellensituation der Dichtung des 20. Jahrhunderts befasste sich der Beitrag von Reinhard Bode, der die Tagung gemeinsam mit Albert Schmelzer initiierte. Der Germanist und Waldorflehrer erläuterte anhand ausgewählter Biografien bedeutender Dichterinnen und Dichter des 20. Jahrhunderts wie Rainer Maria Rilke, Franz Kafka, Nelly Sachs, Paul Celan, Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch, Peter Handke, Michel Houellebecq und Julie Zeh, wie existentielle Erlebnisse zu Krisen, Todeserfahrungen, Bewusstseinsum- und aufbrüchen führten. Dabei wies er darauf hin, dass die von Friedrich Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“ proklamierte Gefährdung des Menschen, indem er  „als ein Seil über einem Abgrund gespannt“ gesehen wird, prophetisch zukünftige Dichtererfahrungen anzeigt. Sie eröffnen Bewusstseinsbereiche, die alle herkömmlichen Vorstellungen zur Individualität, Denknormen und Gefühlsformen verlassen und in Grenzbereiche vorstoßen, die zu ganz neuen Auseinandersetzungen mit den so genannten Ur-Fragen menschlicher Existenz wie Tod, Sinn, Ich, Liebe und Gott führen. „Die Umwertung aller Werte, wie sie Nietzsche beschwor, werden hier als originäre Freiheitserlebnisse der Individualität virulent, über die kein sich selbst und sein Genre ernst nehmender Dichter mehr hinwegkommt“, betont Reinhard Bode.

Simone Maria Wessely