Alte und neue Märchen

Tschernobyl und Fukushima – eine Zusammenschau

Das Zusammentreffen der Erinnerung an die Ereignisse von Tschernobyl, die nun ein Vierteljahrhundert zurückliegen, mit der noch andauernden Katastrophe im japanischen Fukushima weckt in der Seele tiefe Frage. Es ist, als seien diese Gedanken von Uriel als Fragen an das historische Gewissen der Menschen inspiriert, von Uriel, den Rudolf Steiner als den Erzengel der Johanni-Hochsommerzeit bezeichnet.

Die damalige Katastrophe in Tschernobyl hat ein Stück Erde aus der Natur- und Kulturwelt gleichsam herausgeschnitten und zur Kolonie einer tückisch-teuflischen Unternatur gemacht, für die uns noch die Begriffe fehlen. So erlebt die Menschheit nicht nur „Fukushima“, sondern zugleich durch die aktuellen Bilder und Berichte aus dem Sperrgebiet von Tschernobyl, was nach 25 Jahren aus einem verwüsteten und menschenverlassenen Stück Erde werden kann.

Man muss Tschernobyl und Fukushima deshalb unbedingt als Parallel-Ereignisse sehen, die lediglich zeitversetzt sind. In Fukushima erleben wir die sich entwickelnden Ereignisse unmittelbar; in Tschernobyl betrachten wir längst Geschehenes und seine offenbaren Folgen - das stärkt die Wahrnehmung und lässt Beurteilung zu.

Wer hat sich bewusst gemacht, dass die die monströse Ruine von Tschernobyl wie der Drache im Märchen seit 25 Jahren ständig das „Opfer“ von 3500 Menschen braucht, die sich täglich der Strahlung aussetzen und dem „Untier“ Sklavendienste zur Erhaltung des „Status quo“ leisten müssen? So betrachtet, dämmert uns die Erkenntnis, dass, stellvertretend für uns alle in Tschernobyl Menschen als Geiseln und Sträflinge des „Monsters“ dort an das havarierte Werk gefesselt sind und ihm ewig dienen müssen, um noch Schlimmeres zu verhüten – so wie Prometheus einst an den Kaukasus. Ähnliches deutet sich in Fukushima an. Denn man kann das Geschehene n i c h t zum Guten wenden, das Werk reparieren oder der „alle Wunden heilenden Zeit“ übergeben, man kann die Stätte n i c h t als Ruine sich selbst überlassen, wie es früher zum Beispiel mit den Relikten untergegangener Kulturen in den Urwäldern Südamerikas geschah.

Die Regie dieser zeitlichen Abfolge ist ein Kunstgriff des Zeitgeists unserer Epoche, um einer verblendeten Menschheit die Konsequenzen ihres Tuns überdeutlich vor Augen zu stellen. Der Zeitgeist, der reguläre Zeitgeist unserer Epoche, so Rudolf Steiner (GA 121), greift nicht durch Taten oder Katastrophen ins Weltgeschehen ein, sondern dadurch, dass er Konstellationen schafft, durch die der Mensch in Freiheit das Zeitnotwendige erkennen und ergreifen kann. Rudolf Steiner schildert das anhand der schwingenden Ampel im Dom zu Pisa, durch die Galilei zur Erkenntnis der Pendelgesetze kam. Wenn nach den Geschehnissen in Sellafield, Harrisburg und Tschernobyl die Menschheit die Gefahren der Atomkraft immer wieder vergisst und verdrängt – denn es geht dabei auch um gewaltigen Profit und eine unausrottbare Zivilisationsbequemlichkeit – dann lässt der Zeitgeist nun „Tschernobyl“ und „Fuskushima“ gleichsam verdoppelt neben- und miteinander verquickt erscheinen.

Nur Deutschland stellt Atomenergie in Frage

Auffällig scheint, dass angesichts dieser Ereignisse der Umgang mit der Atomenergie nur in Deutschland ernsthaft in Frage gestellt wird, wenn es auch Länder gibt wie Polen, Australien oder Norwegen, die keine Atomenergie nutzen und Länder, wie Italien, die bereits nach der Katastrophe von Tschernobyl aus der Kerntechnik ausgestiegen sind.

Das deutsche Volk hatte im 20. Jahrhundert einen Hitler und das „Dritte Reich“ mit all seinen Verirrungen und Verbrechen hervorgebracht. Das ist eine große historische Schuld. Gibt es vielleicht in Deutschland deswegen im 21. Jahrhundert genügend offene Herzen und ein untergründiges Verständnis für die Sprache des Zeitgeistes? Denn trotz allen Streites, der um den „Atom-Ausstieg“ tobt, gibt es kein anderes Land, in dem man wirklich nach Alternativen für den Energiebedarf einer großen Volkswirtschaft sucht.

Da die Menschheit das Wachsen des Energiebedarfes als unabänderliches Gesetz ansieht und es nicht hinterfragt, wollen die meisten anderen Nationen und Regierungen die Atomkraft weiterhin als unverzichtbar in Kauf nehmen und vernebeln ihr Bewusstsein mit den Begriffsfetischen wie „Reaktor-Sicherheit“ und „vernachlässigbarem Restrisiko“. Die Halbwertzeit von Plutonium beträgt angeblich 24.110 Jahre; fast so lange dauert ein Platonisches Weltenjahr. Aber man diskutiert „Endlager“, die der Menschheit den strahlenden Atom-Müll lediglich ein paar hundert Jahre lang aus den Augen schaffen sollen; man hofft, die Wissenschaft könne bis dahin doch noch ein Verfahren zur Unschädlichmachung des giftstrahlenden Mülls gefunden haben.

Im Bewusstsein unserer Menschheit wirkt immer noch das alte Märchen-Motiv, dass man den Teufel überlisten könne! Das bezog sich auf jenen Satan, den der Erzengel Michael am Anfang der Erdenzeiten aus dem Himmel auf die Erde – in die Gemüter der Menschen – geworfen hat. Im Himmel aber siegte Michael. So steht es in der Offenbarung des Johannes. Nun jedoch handelt es sich um viel gefährlichere Mächte, denen die Menschheit Einlass in die Erdenwelt gewährt hat - durch den Weg der Technik in die „Unternatur“. Diesen Begriff benutzt Rudolf Steiner in seinem letzten Leitsatzbrief: „Im naturwissenschaftlichen Zeitalter, das um die Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt, gleitet die Kulturbetätigung der Menschen allmählich nicht nur in die untersten Gebiete der Natur, sondern u n t e r die Natur hinunter. Die Technik wird Unter-Natur. Das erfordert, dass der Mensch erlebend eine Geist-Erkenntnis finde, in der er sich eben so hoch in die Über-Natur erhebt, wie er mit der unternatürlichen technischen Betätigung unter die Natur hinunter sinkt. Er schafft dadurch in seinem Innern die Kraft, n i c h t unterzusinken.“ (GA 26, Leitsätze 183 und 184)

Die Menschheit hat die entscheidende Schwelle überschritten; sie ist nun für das Ganze der Welt verantwortlich. Sie muss den Weg in die „Übernatur“ – die geistige Welt – um ihres eigenen und des Überlebens der ihr anvertrauten Erde willen suchen. Alles kommt nun darauf an, das nicht als moralische Forderung, sondern als Tatsache zu nehmen! Diese Tatsache fordert allerdings ihre Konsequenzen. Denn in dieser Situation der Welt gibt es nicht mehr „gute Geister“ und eine „gnädige Natur“, die reparieren und heilen können, was der Mensch fahrlässig, unwissend oder gar wissend zerstört hat – nicht für ein paar Jahrzehnte oder Jahrhunderte, sonder für immer!

Darauf deutet der Erzengel Uriel, wenn er unseren Blick zugleich auf Tschernobyl und Fukushima fallen lässt, um uns anzuregen, unser historischen Gewissen zu empfinden und zu betätigen, früher sagte man „unser Gewissen schlagen zu lassen“. Noch deutlichere Zeichen von der Engelwelt aus zu verlangen wäre Zynismus!

Joachim von Königslöw

Joachim von Königslöw ist Germanist und Pädagoge, 2006 veröffentlichte er das Buch „Brücken, Mysterien des Übergangs“.

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 22/2011 - aktualisierte Fassung vom 29.6.2011