Die erste indianische Waldorfschule

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Indianerkinder im Gartenbau-Unterricht.

Cornelie Unger-Leistner vom Bund der Freien Waldorfschulen e.V. hat Isabel Stadnick bei einer Lesereise in der Schweiz getroffen und interviewt. Wochenlang stand das Buch der Schweizerin in ihrem Heimatland auf der Bestsellerliste. Jetzt ist es auch in Deutschland als Taschenbuch erschienen mit dem Titel: „Wo meine Seele wohnt – mein Leben bei den Lakota“. Es erzählt von Isabel Stadnicks Leben im Reservat Pine Ridge, wo sie ihren indianischen Mann Bob kennenlernte und heiratete. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor und ein Projekt: der Waldorfkindergarten im Reservat und die Indianische Waldorfschule, bisher die einzige ihrer Art in den USA.

Cornelie Unger-Leistner (CU): Frau Stadnick, Sie sind als Touristin in das Reservat gekommen und haben dann dort insgesamt zehn Jahre gelebt. Wie war das für Sie?

Isabel Stadnick (IS): Ich war von Kindheit an sehr fasziniert von dem Indianerthema, ich habe da viel gelesen. Aber wenn man dann in das Reservat kommt, ist es doch etwas anderes. Da kann man sich von hier aus kein Bild machen. Oberflächlich gesehen ist es sehr trostlos, die schlechten Häuser, die Wohnwagen, keine Freizeitangebote. Da war ich zunächst auch ziemlich erschrocken. Erst mit der Zeit, wenn man an den Zeremonien teilnimmt und den Menschen näher kommt, versteht man die Zusammenhänge etwas besser und das, was unter dieser Oberfläche ist. Und dadurch, dass ich dann mit Bob verheiratet war, bekam ich einen besseren Zugang.

CU: Hat sich das Leben im Reservat seit Ihrem ersten Besuch verändert?

IS: Es hat sich ein bisschen verbessert, es gibt Projekte für die Jugendlichen wie Thunder Valley, das Oglala Lakota College bietet ein breiteres Angebot an Weiterbildungen, es gibt ein Motel. Wir sind zur Zeit dabei, das Lakota Tipi Camp aufzubauen, denn wir möchten, dass Touristen hinkommen. Ich habe durch das Buch viele Anfragen von Leuten, die gern ins Reservat fahren wollen um etwas über die Lakota Kultur und ihre Menschen zu erfahren. Deswegen haben wir uns überlegt, dass es ein Gästehaus geben soll und ein Lakota Tipi Camp, also einen Ort der Begegnung für Besucher und Touristen. Dieser Plan wird jetzt Wirklichkeit: diesen Sommer führen wir das erste zweiwöchige Camp durch. Wir können so neue Arbeitsplätze kreieren, denn Lakota werden unter anderem als Tourguides arbeiten und der Profit geht zugunsten der Lakota Waldorfschule. Ein Lakota Gästehaus folgt später, denn dazu müssen wir erst die finanziellen Mittel beschaffen. Auf jeden Fall ist dies eine Marktlücke, die wir nun schließen möchten und davon profitieren alle: die Besucher, die Wirtschaft im Reservat durch die neuen Arbeitsplätze und die Lakota Waldorfschule, also für alle eine Win-Win-Situation.

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CU: Ist die Waldorfschule nicht so etwas wie eine Importidee?

IS: Das funktioniert nicht, wenn Leute von außen kommen und da etwas bewirken wollen, das versickert dann wieder. Es muss aus der Kultur selbst entstehen und das war eben bei uns ein Glück, dass es so eine Kombination war. Das ist in dem Buch nicht mehr detailliert beschrieben, weil es gekürzt wurde, aber mein Mann zum Beispiel kannte bereits die Waldorfpädagogik von Rudolf Steiner. Er war beim US-Militär, bei der Handelsmarine und da hat er in der Schiffsbibliothek in einem Sturm vor Vietnam ein Buch von Steiner entdeckt. Auch andere Lakota kannten die Waldorfpädagogik. Bei einem Treffen hat jemand einmal erzählt, es gebe nur einen westlichen Philosophen, der so ein Weltbild beschreibt, wie es die Indianer auch hatten, nur noch viel detaillierter.Ich dachte, das gibt es doch nicht, da sitze ich am Ende der Welt vor einem Tipi und dann erzählt jemand von Rudolf Steiner. Und als ich bei Bob in das Erdhaus zog, wo alles ganz einfach war, stand da ein kleines Bücherregal mit einem Buch von Rudolf Steiner.

CU: Und wie kamen die Lakotas auf die Waldorfpädagogik?

IS: Das Lakota Oglala College ist eine akkreditierte Hochschule; der damalige Vize- Direktor befasste sich mit Bildung, er kannte Waldorfschulen. Seit 2010 bietet das Oglala Lakota College auch einen Kurs in Waldorfpädagogik an, ein Meilenstein. Die Lakota Waldorfschule (LWS) arbeitet eng zusammen mit der Association of Waldorfschools of North America (AWSNA) und mit der Waldorf early childhood association of North America (WECAN). Zwei Lehrer der Denver Waldorfschule, Laurie und Tom Clark, arbeiten eng mit der LWS zusammen und besuchen uns jedes Jahr mindestens zweimal. Sie sind unsere Mentoren und begleiten und beraten uns und die Kindergartenlehrer. Das Oglala Lakota College zeigte großes Interesse an der Arbeit der Lakota Waldorfschule und so haben wir eine Partnerschaft gebildet. Daraus entstand der Kurs in Waldorfpädagogik, so dass es nun möglich ist, durch das Oglala Lakota College ein Waldorflehrer-Zertifikat zu erhalten. Patrice Maynard vom Vorstand der AWSNA hat hier etwas Großes geleistet und ist mit Tom und Laurie Clark sehr engagiert für unsere Arbeit.

CU: Was bedeutet denn Bildung für die Lakotas im Reservat?

IS: Sie kennen ja das amerikanische Bildungssystem und das ist sehr kopflastig – kurz gesagt: die Erfolgsquote in den Reservatsschulen ist nicht sehr gut, was sich unter anderem an der hohen Schülerausfallrate zeigt. Da geht es nur um intellektuelles Abspeichern, das funktioniert nicht für die Lakota, es passt nicht zu ihrem Weltbild. Dazu passt „Learning with head, hand and heart“. Daran liegt es auch, dass sie so schlecht abschneiden. Oder zum Beispiel das Geschichtenerzählen, das war immer ein wichtiger Bestandteil der Lakota Kultur, das ist ja sehr wichtig für die Gehirnentwicklung, wie man heute weiß. In der Lakota Waldorfschule legen wir sehr großen Wert auf Integration der Lakota Sprache und Kultur. Der Unterricht soll in Lakota Sprache erfolgen, so wie wir es jetzt bereits im Lakota Waldorfkindergarten durchführen!

CU: Kann die Lakota Waldorfschule denn die Waldorfpädagogik so übernehmen oder muss sie angepasst werden?

IS: Das kann man nicht aufstülpen. Die Gründer haben eine Schule gesucht, die zur Kultur vor Ort passt und zu den Menschen. Waldorfpädagogik ist wie ein Gefäß, welches mit der jeweiligen Kultur aufgefüllt wird. Sie gibt den Menschen die Möglichkeit, zu entfalten, was sie sind. Auf der Homepage der Schule ist der Zusammenhang genau beschrieben, da kann man das nachlesen (1).

CU: Und wie geht es jetzt weiter mit dem Aufbau der Schule?

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Isabel Stadnick

IS: Wir führen ja jetzt schon einen Kindergarten. Dieser ist allerdings so voll besetzt und die Nachfrage so groß, dass wir zwei Kindergärten eröffnen könnten. Wir hatten geplant, im Herbst 2011 die Schule mit einer ersten Klasse zu eröffnen, mussten aber nun schweren Herzens beschließen, das um ein Jahr zu verschieben. Wir sind einfach noch nicht genug vorbereitet. Vor allem braucht es bedeutend mehr finanzielle Mittel und da sind wir noch nicht auf sicherem Grund. Die Finanzierung muss gesichert sein, wenigstens für die nächsten paar Jahre! Wir haben Lakota Lehrer und alle Mitarbeiter und der Vorstand sind Lakota Stammesmitglieder. Ich arbeite sehr intensiv an der Mittelbeschaffung, wir erhalten auch von US Foundations Gelder. Da das Pine Ridge Indianer Reservat eines der ärmsten Counties der USA ist, können wir keine Elternbeiträge verlangen. Seit 2008 gibt es ja jetzt auch die Lakota Stiftung, welche ich mit einigen Schweizer Freunden in der Schweiz gegründet habe. Wir haben ein Netzwerk aufgebaut und wollen es erweitern. Neben der Lakota Stiftung in der Schweiz, gibt es Vereine in Holland und Belgien und in Deutschland kann man über die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners zugunsten der Lakota Waldorfschule spenden (siehe unten). Durch das Buch und die Aufmerksamkeit für das Projekt haben wir eine ganz erfolgreiche Zeit hinter uns. Wir müssen aber dringend weiter an der Finanzierung der Schule arbeiten – dies ist der schwierigste Teil der ganzen Aufgabe.

CU: Dann auch weiterhin viel Erfolg!

(1) „Ähnlich wie die Lakota-Kultur respektiert die Waldorfpädagogik das Individuelle und Geistige in jedem Kind, im Einklang mit seiner körperlichen und seelischen Entwicklung. Die Waldorfpädagogik anerkennt den spirituellen Teil des Menschen und integriert ihn, sowie das spirituelle Leben der Erde und alles Lebendige. Dieser Teil der Lakota-Spiritualität muss wieder in den Lebensalltag einbezogen werden, um das Überleben der indianischen Kultur zu sichern, um das Erbe zu erhalten und eine Weiterentwicklung zu ermöglichen.“ (http://www.lakotawaldorfschool.org/lws/school/index-de.html).

Literaturhinweis:

Isabel Stadnick: „Wo meine Seele wohnt – Mein Leben bei den Lakota“, Taschenbuch, Blanvalet Verlag, München 2011,

Spenden:

Kontoinhaber: Freunde der Erziehungskunst

Kontonummer: 13 042 010

BLZ: 430 609 67

GLS Bank Bochum

Verwendungszweck: 4606 Lakota Waldorf School + Adresse des Spenders

Wichtig : Vermerk = Zugunsten Lakota Waldorf School, South Dakota

Isabel Stadnick, geb. 1957 in Rio de Janeiro als Auslandsschweizerin, mit zwei Jahren Rückkehr in die Schweiz

1989 Reise in das Pine Rigde Reservat, South Dakota, Bekanntschaft mit Bob Stadnick,

Heirat, Geburt von drei Kindern

1994 Gründung eines Waldorfkindergartens zusammen mit Lakota Eltern im Reservat. 1997 nach Tod des Mannes Reise in die Schweiz seit 2008 wieder im Pine Ridge Reservat, Engagement für die Lakota Waldorf School 2008 Gründung der Lakota Stiftung. 2009 Buch „Wanna Waki – Mein Leben bei den Lakota“ (Wanna Waki übersetzt: „jetzt kehre ich heim“) erscheint, wird in der Schweiz ein Bestseller. 2011 erstmals Veranstaltung eines Lakota Tipi Camp im Pine Ridge Reservat.