Anthroposophie im Hochschulkontext

Herausforderung und Chance Fachtagung zum 150. Geburtstag von Rudolf Steiner

Die Hochschulen Ottersberg und die Alanushochschule bilden eine Ausnahme in der deutschen Hochschullandschaft: Beiden gemeinsam ist die Anthroposophie als Bestandteil ihrer Ausbildungsprogramme und ihres Leitbildes und beide Hochschulen gründen auf anthroposophischen Gründungsinitiativen. Dass beide Hochschulen in ihren Studiengängen Wissenschaft und Kunst miteinander verbinden, bedingt darüber hinaus im Zusammenhang mit der Anthroposophie ganz besonders diffizile Fragestellungen.

Eine Fachtagung unter Beteiligung von Lehrenden, Studierenden und externen Experten an der FH Ottersberg im Herbst 2011 soll den Auftakt einer möglichst multiperspektivischen Thematisierung von Anthroposophie im Hochschulkontext bilden. Als Experten möchten wir dabei ausdrücklich auch jene ansprechen, die, ohne sich selbst als Anthroposophen zu verstehen, der Anthroposophie interessiert und kritisch gegenüberstehen.

Als Hochschule, die anthroposophischen Sichtweisen Raum bietet, ohne sich als genuin anthroposophische Ausbildungseinrichtung zu verstehen, verbindet die Fachhochschule Ottersberg mit der geplanten Tagung die Hoffnung, das Thema Anthroposophie und Hochschule in einem Rahmen zur Sprache zu bringen, die über den eigenen Campus reicht.

Dazu gehören Fragen:

   ... nach dem Stellenwert und den Auswirkungen latenter oder offenbarer anthropologischer Konzepte („Menschenbilder“) in künstlerischer und wissenschaftlicher sowie gesellschaftlicher Praxis

    ... nach einem Wirklichkeitsbegriff, der offen und weit genug für unsere vielfältigen Erfahrungsweisen und Möglichkeiten der Identitätsbildung ist

    ... nach der besonderen Funktion von Anthroposophie in pluralistischen Ausbildungskonzepten und den hierfür notwendigen Anforderungen und Kompetenzen

    ... aber auch, die sich an den Umgang mit Inhalten anthroposophischer Geisteswissenschaft in Lehre und Publikationen richten

    ... an deren akademische Diskursfähigkeit

    ... schließlich nach einer wissenstheoretischen Position der Anthroposophie, dem damit  verbundenen Wissenschaftsbegriff und nach explizit anthroposophischen Forschungsmethoden

Nach über 40 Jahren ihres Bestehens haben die Fragen im Umgang mit der Anthroposophie an der Fachhochschule Ottersberg jedenfalls weder abgenommen noch an Dringlichkeit verloren. Statt sie nur innerhalb der eigenen Hochschule zu bewegen, möchten wir sie im Rahmen öffentlicher Fachgespräche anhand konkreter Themen präzisieren und vielseitig diskutieren. Die Ergebnisse sollen abschließend publiziert werden.

Ein interner Klärungsprozess zum Verhältnis von Lehrpraxis und Anthroposophie an der Fachhochschule geht der geplanten Tagung voraus. Er hat zunächst ein reichlich heterogenes Selbstverständnis derer zutage gefördert, die Anthroposophie mit ihrer Lehrtätigkeit in Verbindung bringen. Es reicht von einer eher allgemein formulierten „anthroposophischen Haltung“, die ganz im Hintergrund bleibt, bis zur deutlich erklärten Vermittlung anthroposophischer Lehrinhalte.  

Im Übrigen ergeben die Stellungnahmen und Gespräche ein Bild, in dem sich die maßgeblichen Probleme und Chancen im Verhältnis von anthroposophischer Kultur und allgemeiner kultureller Wirklichkeit widerzuspiegeln scheinen. Sie werden sich kaum richtig einschätzen lassen, ohne die Anthroposophie unter den übergreifenden Gesichtspunkten der gesellschaftlich kulturellen Entwicklung der Moderne zu reflektieren.