Gefährliche Gegensätze

Gegensätze gibt es überall in der Welt. Aber für Japan sind sie in einer besonderenWeise konstitutiv – und dramatischer denn je. Der seit einigen Jahren in Tokio lebende Künstler Daniel Moreau unternimmt unter dem Eindruck der aktuellen Natur- und Zivilisationskatastrophen einen Versuch, das Land so zu charakterisieren, dass deren Kontext verständlicher wird.

Als eine Kette von bergigen Inseln prägt die Topografie Japans sein Volk stark. Schauen wir nach außen auf die Landschaft, so erscheint der auffälligste Gegensatz in der scharfen Trennung von Tal und Berg. Lebt man auf einem flachen Stück Erde, so kann unweit davon der Berg übergangslos beginnen und sich wie eine echte Mauer mit seinem undurchdringlichen Wald vor einem aufrichten. Die dunkle Bewaldung steht dann in schroffer Opposition zumlieblichen Hellgrün der Reisfelder in der Ebene. Der dunkle Berg verdeckt in vielen Gegenden noch den vulkanischen Untergrund, der ab und zu mit seiner Feuernatur ausbricht, wie kürzlich auf der Insel Kyushu. Die Reisfelder dagegen, zuweilenmitWasser bedeckt, strahlen eine weibliche Lieblichkeit und eine dem Himmel zugewandte Offenheit aus. So ist es nicht verwunderlich, wenn die Landschaftsmalerei mit der Tusche vorliebnimmt und diese

Gegensätze mit der stetigen Bemühung nachzeichnet, die Polarität in Abstufungen zu überwinden.

Die grandiose Naturanlage ei ner Formation, die ständig etwas vom Ozean wegdriftet, prägt das Grundtemperament des Japaners: Nach außen scheu und zart wie die Reispflanze, nach innen unberechenbar feurig wie ein Vulkan. Nach außen sich wendend, braucht er die Maske des Überpersönlichen,um das Gesicht und die Zartheit zu wahren, nach innen den Elan stolzer Ambitionen. ‹Ambitious Japan› hieß vor wenigen Jahren ein beliebter Werbespruch.

Standardisierte Verhaltensregeln

Hier muss auch daran erinnert werden, dass das japanische Volk in seiner Geschichte durch einen Wechsel von ruhigen Zeiten, durch die Dichtkunst großer Frauen geprägt, und von Zeiten der Erschütterung durch die Kriegszüge Japan ambitionierter Fürsten geformt wurde. In Ersteren entfaltete sich eine Empfindungsseele, die das Land für fremde Einflüsse öffnete, auf der Suche nach künstlerischen und religiösen Anregungen, nach kultureller Befruchtung. In den anderen tummelten sich männliche Impulse der Verstandesseele, die, um das Land abzuschließen

und zu sichern, das Aufgenommene zu japanisieren suchten. In diesem Wechsel gegensätzlicher Haltungen wurde viel von der chinesischen Kultur aufgenommen und einverleibt, nicht zuletzt auch die Schrift. Erst später, im 19. Jahrhundert, kamen die vielen Einflüsse aus Europa.

Und erst dann bröckelte auch langsam die soziale Struktur, die an den abendländischen mittelalterlichen Feudalismus erinnert. Spuren davon sind bis heute noch erhalten, wie etwa die Verehrung der Monarchie. Aber eine Renaissance im europäischen Sinne, durch die der griechische Impuls eines selbstständig geführten Denkens im Schmelztiegel der Individualität erwachte, gab es in Japan nicht. Keine Vordenker, die sich an den Denkmustern einer Kirche gemessen hätten,wie Giordano Bruno oder Galilei.

Aufnehmen von Impulsen anderer

Nicht die Tatsache, dass viel Fremdes kopiert wurde, scheint wichtig zu sein, sondern vielmehr das, was aufgenommen wurde. Es hat sich eine Verstandesseele betätigt, die im Materialismus keinen Widerspruch zu ihren religiösen

Wurzeln empfand, sondern ihn bedingungslos und praktisch als Handwerk und Industrie zu verwirklichen strebte. Und was für eine Kraft hat wohl dieser Verstand!

Japan hat keine alternative Anschauung in der Optik entwickelt – wie etwa Goethes Farbenlehre –, sondern bald die

besten Kameras gebaut. Keine neuartigen Fahrzeuge, sondern bald die besten Schnellzüge und die erfolgreichste Autoindustrie.

Die ambitionierte Firma Toyota schreibt sich auf die Flagge: «Nichts ist unmöglich!» Aber eine wirkliche Alternative zum Auto darf von dort nicht erwartet werden.

Wäre Japan nicht am Ende des Zweiten Weltkriegs in Hiroshima und Nagasaki so furchtbar gedemütigt worden, hätte es sicherlich die beste Waffen- und Kriegsmaschinerie der Welt entwickelt ...

Die Kraft der Bewusstseinsseele ist die keimende Fähigkeit der Zweifler und Erfinder, die wir im tragischen Schicksal eines JanHus oder einesNikolaus Kopernikus erleben, in deren Gewissensbildung, die an alten Dogmen rüttelte. Es fällt mir schwer, diese Kraft in Japanwahrzunehmen.Denn hier ruht die Moralität, das sittliche Leben in den traditionell starken Formen, deren Richtigkeitman nie anzweifelt, weil ihnen der wunderbare Duft alter kultisch-künstlerischer Tradition innewohnt: das Ausziehen der Schuhe an der Haus- und Zimmerschwelle sowie das andachtsvolle Umdrehen derselben für das Hineinschlüpfen auf dem Rückweg, das schweigsame Zusammensitzen auf demTatami bei der Teezeremonie und vieles mehr. Standardisierte Verhaltensregeln aus der Vergangenheit geben der Gemeinschaft ‹noch› eine gewaltige Fähigkeit des Zusammenhalts. So ist es einfach bewundernswert, wenn man in diesen Tagen die Disziplin erlebt, mit der die schwersten Prüfungen gemeinsam durchgestanden werden.

Wunder der Elektronik

Nachdem bis Mitte des 20. Jahrhunderts vieles aus Europa assimiliert wurde, kam die bereits angedeutete Wende: die kriegerische Auseinandersetzung mit den USA. Sie führte zur Besatzung durch amerikanische Soldaten, die bis heute andauert. Aber nicht nur das! Die weibliche Kultur der Haiku und Teezeremonien konnte sich mit den aufgezwungenen Einflüssen Amerikas nicht verbinden, um daraus Geistiges aufzunehmen.

Das tat die männliche Verstandesseele. Sie stellte sich stolz der Aufforderung, mit der Industrie und dem Management der Amerikaner zu konkurrieren und wenn nicht die größte, so doch die zweitgrößte Volkswirtschaft zu werden.

Die Einflüsse der anderen Pazifikseite wurden nicht mit einer weiblichen Empfanggeste

aufgenommen, sondern mit einer asiatischen Vorbeugung und dem Anhalten des Nackens. Was da aufgenommen und dem Alltagsleben eingeimpft wurde, wurde nicht japanisiert, sondern zwangsläufig eins zu eins kopiert:Die Fast-Food-Industrie, das Fernsehentertainment, die Computer- und die Atomtechnik, die diese schönsten Errungenschaften der Elektronik durch Stromerzeugung ermöglichten.

Wenn man diese Einflüsse im japanischen Alltag erlebt und selbstverständlich benutzt, so sind das keine Bestandteile japanischer Kultur, sondern kopierter ‹american way of life›. Und so kann einem die Frage über die Lippen kommen: Wo sind Gewissensregungen der Bewusstseinsseele zu hören? Muss die Jugend weiterhin fettsüchtig werden? Muss der Fernseher selbstverständlicherweise das kulturelle Zentrum jedes Haushalts sein? Die Liste der hemmungslos im Alltag aufgenommenen Technologien ist lang. Zu ihr gehört beziehungsweise gehörte bis heute die Atomindustrie.

Die Japaner meiner und jene späterer Generationen haben gelernt, die Wunder der Elektronik mit gedankenloser Selbstverständlichkeit zu nutzen, die Fahrstühle, die Haushaltsgeräte, die Schnellzüge, die Computer.

Die mahnenden Stimmen, die zur Mäßigung warnen, fehlten weit und breit, denn es gehört zum Lebensstandard, zum ‹guten Ton›, sie alle für sich in Anspruch zu nehmen, sodass 50 Atomkraftwerke nötig sind, um dieses Land mit Strom zu versorgen.

Jetzt versagt zum Teil die Grundversorgung an Lebensmitteln, weil die Bauern verlernt haben, ihre Kühemit derHand zu melken, weil die Knetmaschine für das Brot keinen Strom mehr hat ...

Ein Zauberlehrling ohne Meister

Die jüngsten Ereignisse sollen Lernanregungen für die ganze Menschheit werden: nicht so sehr der Tsunami, insofern ein Jahrhundertbeben erwartet war, als vielmehr der Umgang mit der Atomenergie. Die Arbeiter an den beschädigten Kraftwerken opfern ihr Leben, um das Leben vonMillionen zu retten. Aber werden diese Opfer jene Früchte der Erkenntnis tragen, die die Menschheit braucht? Wie viele weitere Opfer muss die nötige Besinnung noch kosten?

Angesichts der Hilflosigkeit der Arbeiter in den Kernkraftwerken kommt mir das Bild des Zauberlehrlings in den Sinn. In dieser Hinsicht ist die Menschheit aber kein Zauberlehrling, denn sie hat keinen Meister, der einen Zauberspruch sprechen und damit die Katastrophe abwenden könnte. Sie muss sich bequemen, zu einer wesenhaften geistigen Erkenntnis zu kommen. Als eine Aufforderung dazu kehrt wahrscheinlich bald der Ball der Atomkraftanwendung und seiner Problematik in die USA zurück, von wo er ursprünglich kam.

Daniel Moreau

Quelle: Das Goetheanum. Wochenschrift für Anthroposophie Nr. 11/12 vom 18. Marz 2011

Daniel Moreau ist mit der Illustratorin Yoriko Miyagawa verheiratet und lebt seit 2005 in Tokyo. Moreauwirkte zuvor 37 Jahre alsMalerund Goetheanist im deutschen Sprachraum und in vielen anderen Ländern. Auch in Italien, Spanien, Ungarn, England und auf der südlichen Erdhalbkugel gab er unzählige Kurse und Seminare.

Seine Bilder wurden durch viele Ausstellungen und durch die Kunstkalender bekannt, die er im Eigenverlag in den Jahren 1998 bis 2002 herausgab.

Aufgrund der dramatischen Ereignisse in Japan musste Daniel Moreau mit seiner Familie fluchtartig das Land Japan verlassen. Um ihn und seine Familie beim Neuanfang in Deutschland zu unterstützen sind freiwillige Spende willkommen:

Bank: Wirecard Bank (Leipzig)

Kontoinhaber: Marie-Daniel Moreau

Konto-Nr.: 20009999

BLZ: 51230800

Weitere Informationen und Kontakt: danielmoreau@web.de