Berufsausbildung an der Hiberniaschule

Wie es kam, wie es ging und wie es geht

Die Hiberniaschule ist im wahrsten Sinne des Wortes mitten in einem Industriebetrieb entstanden.

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Der Beginn

Wo heute Sportgeräte verkauft werden, große Parkplätze, Gastronomie und auch noch ein alter Gasometer (der Rückbau wäre zu teuer) siedeln, gründete sich in den Nachkriegsjahren ein großer Chemiebetrieb. Das war die Hibernia AG. Diese befasste sich vorzugsweise mit der chemischen Aufbereitung von Kohleprodukten. Im Klartext: Es wurde reichlich Kunstdünger produziert und so hieß dieses Werk in der Gegend auch folgerichtig „Stickstoffwerk“. In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts engagierte sich die Werksleitung in einem sozialen Projekt, welches Jugendliche aufnahm, die im großen Krieg ihre Eltern verloren hatten, die auf dem Werksgelände in einem dafür eingerichteten Gebäude wohnten und eine berufliche Bildung erhielten. In dieser Zeit war die Schullandschaft Deutschlands bzw. im gerade entstandenen Land NRW bei weitem rechtlich noch nicht so festgelegt wie wir es heute kennen. So begann 1952 mit dem als Schulleiter dazu gekommenen Dr. Klaus Fintelmann die Arbeit der Hiberniaschule. Damit unterscheidet sich das Gründungsprocedere entscheidend vom üblichen Prozess der Gründung einer freien Schule. Dr. Klaus Fintelmann mit seiner eigenen humanistischen Bildungsbiographie (unter anderem auch in einer Waldorfschule) erlebte die Bildung seiner Lehrlinge als defizitär. Berufliche Bildung orientierte sich, damals noch viel mehr als heute, ausschließlich an den Inhalten des jeweiligen Berufes. Den Bildungsimpuls Rudolf Steiners aufgreifend hatte Dr. Fintelmann das Bedürfnis, die Bildungsinhalte der Hiberniaschule im Sinne Steiners weiter zu fassen. So erteilte er 1952 den Lehrlingen der Hibernia-Ausbildungsstätte die erste Menschenkundeepoche. Seitdem entwickelte sich im Vollzuge ein eigener pädagogischer Ansatz, welcher heute am besten mit dem Begriff „Hibernia-Pädagogik“ zu bezeichnen ist. „Eine neue Allgemeinbildung, in der auch praktisches Lernen auf allen Stufen altersgemäß ermöglicht wird; eine als Menschenbildung konzipierte Berufsbildung; berufliches Lernen an brauchbaren, zweckvollen Werkstücken; eine fruchtbare Verbindung von Arbeiten und Lernen, von theoretischen, künstlerischen und praktischen Lernangeboten – das sind die Grundsätze der Hibernia-Pädagogik.“1 1964 etablierte sich die Hiberniaschule mit eigenem Gebäude in eigener Trägerschaft am jetzigen Standort. Gleichzeitig erweiterte sich die Schule um eine Unterstufe und eine Einrichtung des Zweiten Bildungsweges, das Hibernia-Kolleg. 1970 schließlich wurden alle entstandenen Schulteile vom damaligen Kultusministerium rechtlich zu einer Schule zusammengefasst.

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Berufsbildung an der Hiberniaschule heute

In den ersten sechs Schuljahren machen alle Hiberniaschülerinnen und -schüler eingebettet in den Unterricht elementare praktische Erfahrungen vornehmlich im Textilbereich, Biologie/Gartenbau, Holzwerken und Plastizieren. Ab der 7. Klasse beginnt für alle die berufliche Grundbildung. Der Stundenplan wird durch ein projektbezogenes Kurssystem erweitert. Jeweils eine Epoche lang sind drei Schulstunden am Tag dieser beruflichen Grundbildung gewidmet. Dies entspricht einem Drittel des Gesamtunterrichtes. Insgesamt sind dies in den Jahrgängen 7 bis 10 für alle Schülerinnen und Schüler 42 Kurse, in denen beruflich qualifizierende Tätigkeiten aus 32 verschiedenen praktischen Feldern ausgeübt werden.

Drei Beispiele:

- Elektrokurse 9. und 10. Klasse – Installationen von Haushaltsschaltungen Licht- und Versorgungstechnik einschließlich der Sicherheitsbestimmungen und Fehleranalyse bzw. Korrektur. Motorsteuerungsschaltungen mit unterschiedlicher Schalt- und Betriebspannung. Analyse und Korrektur wie oben.

- Mechanikkurs 8. Klasse – Planung und Konstruktion mechanischer Abläufe. Exzenterantriebe, Riemenantriebe usw., Produktbeispiel: Flipperspiel aus Holz, Metallfedern, Metallgestänge usw.

- Zirkusprojekt 7. Klasse – Der gesamte 7. Jahrgang stellt ein Zirkusevent auf die Beine. Jonglieren, Akrobatik, Teamarbeit, Ablaufplanung, Selbstdarstellung usw.

All dies bildet einen breit angelegten und noch nicht berufsdifferenzierten Grundstock für eine spätere berufliche Spezialisierung. Am Ende der 10. Klasse entscheiden sich alle Hiberniaschülerinnen und –schüler für eine von fünf beruflichen Fachrichtungen. Diese sind:

- Feinwerkmechaniker/Feinwerkmechanikerin

- Elektroniker/ Elektronikerin - Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik

- Tischler/Tischlerin

- Kinderpfleger/ Kinderpflegerin

- Maßschneider/Maßschneiderin - Schwerpunkt Damen.

Diese Fachausbildung wird für die Schülerinnen und Schüler dann in der 11. und 12. Klasse zwei Drittel ihres Schultages ausmachen. Der Schultag beginnt dann um 7:45 Uhr und endet um 16:30 Uhr.

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Abschlüsse und Qualifikationen

Am Ende der 12. Klasse finden an der Hiberniaschule die Berufsabschlussprüfungen statt, welche nach den Verordnungen der Ausbildungs- und Prüfungsordnung des Berufskollegs (APO BK) auch die schulischen Qualifikationen beinhalten. Das Institut für Berufsbildung in Deutschland BIBB prüft regelmäßig die Qualität der Berufsbildungsinhalte. Die Berufsgrundbildung in den Klassen 7 bis 10 ist dem 1. Lehrjahr für die angebotenen Berufe als gleichwertig anerkannt. Die Fachausbildung in den Klassen 11 und 12 ist ebenfalls als gleichwertig anerkannt worden. Darüber hinaus sind die praktischen Prüfungen, welche an der Hiberniaschule autonom durchgeführt werden, mit den Gesellenprüfungen des Handwerks vom Bundesminister für Wirtschaft gleichgestellt. Fast alle (95%) bestehen die Berufsabschlussprüfung einschließlich des mittleren Bildungsabschlusses (Fachoberschulreife). Jede Schülerin bzw. jeder Schüler könnte nach bestandener Prüfung in dem erlernten Beruf arbeiten. Da aber das eingangs erwähnte Verständnis der Allgemeinbildung von den Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrern tief verinnerlicht ist, nutzen nur sehr wenige Schülerinnen und Schüler diese Chance am Arbeitsmarkt. Dies sind im Mittel 4% der Schülerschaft. Der größte Anteil, nämlich rund 75%, sehen die Berufsabschlussprüfung als Zwischenschritt in ihrem Bildungsgang und bewerben sich schon während der 12. Klasse für das Hibernia-Weiterbildungskolleg.

Weiterbildungskolleg

Am Anfang des Weiterbildungskollegs steht ein Sozialpraktikum. Die Schüler sind nun Studenten geworden. Sie reisen in die Welt, um in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen mindestens sechs Wochen lang mitzuarbeiten. Danach beginnen sie ihr Studium in der Regel im 3. Semester eines 6-semestrigen Bildungsganges. Die Qualifikationen der Vorsemester haben sie sich in der 12. Klasse erworben. Alternativ gibt es die Möglichkeit, auch in das 1. Semester dieses Bildungsganges einzusteigen. Externe Bewerber können dies auch, soweit sie die notwendigen beruflichen Qualifikationen vorweisen. Natürlich gelten die Bestimmungen des Zentralabiturs auch für das Hibernia-Kolleg auf der Grundlage der Ausbildungs- und Prüfungsordnung für Weiterbildungskollegs (APO WbK). Wenn man den in der 1. Klasse aufgenommenen Jahrgang der Hiberniaschüler zugrunde legt, bestehen dann das Abitur 73% dieses Jahrganges, ohne dass es in den ersten zwölf Schuljahren eine Leistungsauslese gegeben hätte.

Kontakt

Hiberniaschule

Staatlich genehmigte Gesamtschule und Kolleg eigener Art

nach der Pädagogik Rudolf Steiners

Holsterhauser Str. 70

44652 Herne

Fon    02325 919 0

Fax     02325 919232

Mail   info@hiberniaschule.de

http://www.hiberniaschule.de

1 Friedrich Edding, Cornelia Mattern, Peter Schneider (Hrsg.) „Praktisches Lernen in der Hibernia-Pädagogik“ Klett-Cotta 1985 – Klappentext -