missing image fileAlles Wissen ist Ballast

Neuntklässler der Freien Waldorfschule am Kräherwald interpretieren fünfhundert Jahre alte Kunstwerke auf ihre Art und Weise.

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„Ein Hase jung und schön ich seh’

als ich gerad am Felde steh’

Ich will skizzieren, zeichnen, malen.

Hol Stifte, Pinsel, stell sie hin,

die Farben, die so schön mir strahlen,

stehen bereit für den Beginn.”

Wer glaubt, das Gedicht stamme aus der Feder eines längst verstorbenen Dichters, liegt falsch: „Eine mutige Leistung für einen fünfzehnjährigen Jungen!” Immer wieder ist Gabriele Hiller, Kunstpädagogin an der Freien Waldorfschule am Kräherwald, beeindruckt wie intensiv sich Jugendliche mit Kunst befassen können. Für zwei Wochen bekamen die Schüler der neunten Klasse die Aufgabe sich ein Kunstwerk aus dem Zeitrahmen der Renaissance und des Barocks auszusuchen und sich dann sprachlich, zeichnerisch oder biografisch mit dem Künstler auseinanderzusetzen. David Holländer (Klasse 9 A) entschied sich für das 1502 fertig gestellte Gemälde des „Feldhasen” von Albrecht Dürer. Warum sich die Schüler ausgerechnet mit dem Werken aus der Vergangenheit so intensiv beschäftigen sollten, ist für Gabriele Hiller keine Frage: „Ob ein Bild vor 500 Jahren oder heute gemalt wurde, spielt keine Rolle! Durch den Betrachter findet eine Vergegenwärtigung statt. Der individuelle Zugang zu einem Kunstwert bedeutet: Ich erlebe Kunst jetzt!”, erklärt die Kunstlehrerin. Wie im Gedicht angekündigt, zeichnete David eine gestochen scharfe Kopie des Originals, so dass der junge Künstler in seinem letzten Vers erleichtert dichtet: „Der Hase ist fertig – gut sieht er aus.” Weniger friedlich, wie beim Feldhasen, ging es bei der Interpretation von Klassenkamerad Jared Schauer zu: Er beobachtete jedes Details von „Der Bekehrung des heiligen Paulus”, die von dem italienischen Künstler Caravaggio 1601 in der Cerasie Kapelle dargestellt wurde. „Er malte Jesus nicht als blitzende Gestalt, so wie die anderen Maler vor ihm. So zeigte Caravaggio sein Misstrauen an dem plötzlichen Sinneswandel von Paulus: Vom Christenverfolger zum Apostel.” Eine Geschichte, die den Fünfzehnjährigen so beeindruckt hatte, dass er zu dem biblischen Motiv ein philosophisches Gedicht lieferte und damit seine Klassenkameraden beeindruckte. Gabriele Hiller ist überzeugt: „Im normalen Kunstunterricht kommt so ein „geheimes Können” der Schüler nur selten zum Vorschein. Beim Zugang zu einem Kunstwerk ist Wissen nur Ballast. Wenn Jugendliche aber erfahren, dass sie mit Kunst umgehen können, dann ist das mehr wert als jede Schulstunde. “

Eva Tilgner,
Freie Waldorfschule am Kräherwald

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