Der Doppelstrom der Zeit

Vorträge, Eurythmie, Musik, Rezitation und naturwissenschaftliche Ausstellung

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Zeit ist mehr als das Ticken einer Uhr. Sie ist kein leeres Medium, in dem die Vorgänge ablaufen, sondern kann als Veränderung der Dinge und Wesen selbst begriffen werden. Eine wesentliche Erweiterung des Zeitbegriffs leistet die Idee Rudolf Steiners, dass die Zeit nicht nur aus der Vergangenheit in die Zukunft fließt, sondern auch aus der Zukunft in die Vergangenheit. In der Gegenwart durchdringen sich beide Ströme. Die Tagung will diese Zeitauffassung von verschiedenen Gesichtspunkten aus beleuchten.

1./2. Oktober 2010

Tübinger Freie Waldorfschule

Rotdornweg 10

Unkostenbeitrag / Vortrag 5 Euro

Anfahrt: www.waldorfschule-tuebingen.de

Der Doppelstrom der Zeit

Das newtonsche Verständnis der Zeit ist eine der wesentlichen Grundlagen des materialistischen Weltbildes. Newton definierte die Zeit als eigenschaftsloses Medium, in dem sich die physischen Vorgänge ereignen. Damit wurde die Zeit einer bloß äußerlich und mechanisch aufgefassten Taktzeit gleichgesetzt. Leben und lebendige Entwicklung ereignen sich aber in Prozessen, die ihre eigene, innere und dynamische Zeitstruktur haben, z.B. die bekannten Sieben-Jahres-Rhythmen der kindlichen Entwicklung. Ein dem Leben entsprechender Zeitbegriff muss Zeit also als Eigenschaft des Organischen selbst auffassen. So spricht die Anthroposophie von einem eigenen Zeitorganismus der belebten Wesen (dem so genannten ,Ätherleib‘).

Noch interessanter wird das Verständnis der Zeit, wenn man Rudolf Steiners Gedanken des zeitlichen Doppelstroms berücksichtigt: Dass jede Entwicklung nicht nur aus der Vergangenheit in die Zukunft geht, sondern dass ihr immer auch etwas zunächst Verborgenes aus der Zukunft entgegenkommt (man kann das an Lernvorgängen, an künstlerischen Prozessen, an Biographien, an Projekt- und Organisationsentwicklungen, an der biologischen Evolution, überhaupt an jedem Entwicklungsgeschehen beobachten).

Das Verständnis des zeitlichen Doppelstroms kann eine wesentliche Bereicherung bedeuten. Man lernt, die aus der Zukunft heranströmenden Aspekte eines Entwicklungsgeschehens, die ,Fenster des Möglichen‘ zu beachten, und im rechten Moment darauf zu reagieren.

Insbesondere wird auch der gegenwärtige Augenblick durch den Gedanken des Doppelstroms der Zeit transparent und öffnet sich für ein Erleben, das nicht nur materiell wahrnehmbare, sondern auch seelische und geistige Aspekte berücksichtigen kann. Das Wissen um den Doppelstrom der Zeit kann so zu einer intuitiven Lebensgestaltung führen, die es dem handelnden Menschen ermöglicht, im Hier und Jetzt sowohl mit den Bedingungen der Vergangenheit, als auch mit den Vorzeichen des Zukünftigen beweglich und künstlerisch umzugehen. So ist der Doppelstrom der Zeit besonders auch für die Gestaltung von Unterricht und Erziehung interessant.

Insgesamt ist der Gedanke des Doppelstroms der Zeit ein wesentlicher Aspekt zum Verständnis von Anthroposophie und Waldorfpädagogik.

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Die Vorträge werden von einem künstlerischen Programm begleitet. Eine Ausstellung zur Metamorphose der Pflanze und zur Evolution des Menschen macht den Doppelstrom der Zeit sichtbar.

Programm

Freitag, 1. Oktober

20:00 Eurythmie

20:15 - Ursprung und Doppelstrom der Zeit

21:30 Martin Kollewijn

Samstag, 2. Oktober

9:00 Musik

9:10 - Der Doppelstrom der Zeit und die Evolution des Menschen

10:30 Christoph Hueck

Pause

11:00 Rezitation

11:10 - Die Entwicklung des Zeitbegriffs im Werk Rudolf Steiners

12:30 Andreas Neider

Mittagspause

15:00 Musik

15:10 Der Doppelstrom in der bildenden Kunst am Beispiel Michaelangelos

16:30 Heinz-Georg Häussler

Pause

17:00 Eurythmie

17:10 - Die Geschichtlichkeit des Christentums und der Doppelstrom der Zeit

18:30 Jörg Ewertowski

Vortragende

Dr. Jörg Ewertowski (Stuttgart)

Philosoph, Theologe und Literaturwissenschaftler

Leiter der Rudolf Steiner Bibliothek, Stuttgart

Heinz-Georg Häussler (Weimar)

Bildhauer und Dozent für Bildhauerei

Dr. Christoph Hueck (Tübingen)

Biologe und Waldorflehrer

Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart, Seminar für Waldorfpädagogik

Martin Kollewijn (Berlin)

Philosoph

Dozent für Philosophie und Anthroposophie

Andreas Neider (Stuttgart)

Publizist

Dozent für Anthroposophie und Medienpädagogik

Leiter der Agentur „Von Mensch zu Mensch“