Tagung im ehemaligen KZ Bergen-Belsen

„Alles ist unvergessen”

Die Nacht der Zerstörung und das Ringen nach Licht

21. -23. Januar 2011

EF2.tif

Neulich wurde ein Jugendlicher, nachdem ein Film des Gräuels von 1944/45 gezeigt worden war, gefragt, ob er das Gefühl habe, dass ihn das Gesehene etwas anginge, und er antwortete: „Es ist eine Menschheitskatastrophe, also geht es mich etwas an!” – So mancher mag bei einem Besuch eines KZ´s fassungslos vor der Tatsache gestanden haben, dass dort von Deutschen eine Tötungsmaschine für Leib und Seele existiert hat, ein größtes Verbrechen am Menschsein, durchgeführt von dämonisch Besessenen mit sadistischer Berechnung. Ohnmacht fühle ich, grau und bleiern scheint dort die ganze Gegend.- Sobald ich realisiere, dass die Seelen, die das Grauen durchlitten – wo sie jetzt auch sein mögen zwischen Himmel und Erde – fühle ich, sie brauchen, um wieder Vertrauen gewinnen zu können ins Menschsein, um wieder Heimat zu finden, sie brauchen unser suchendes Verständnis, ein starkes Gedenken und volle Empathie. Auch kommt die Frage auf: Kann die unermessliche Schuld dieser Machthaber und dieser Ausführenden von ihnen allein getragen oder gar ausgeglichen werden? All diese Fragen können dazu führen, dass ich spüre, es geht mich etwas an.

„Alles ist unvergessen”, schrieb Paul Celan an einen Freund. Und wir fühlen angesichts der KZs, wie tief eingeschrieben diese deutsche Tragödie in unser Land ist. Gegen die Ohnmacht angehend entstand der Plan, eine Veranstaltung an einer der dunklen Stellen, wie Bergen-Belsen eine ist, zu realisieren, die versuchen möchte, anfänglich einem geistigen Prozess für eine zukünftige Welt zu dienen, indem einem solchen Ort zur Aufhellung verholfen werden möchte.

So ist nun am Freitag, den 21. 1. 2011, erst eine Einführung in die Gedenkstätte von deren wissenschaftlichem Leiter, Dr. Thomas Rahe, vorgesehen, es wird Klezmer-Musik zu hören sein, und am Abend wird uns Peter Selg im Hinblick auf Paul Celan und Nelly Sachs in diese Menschheitstragödie und in das Ringen um eine Sprache für sie einführen. - Am Samstag werden Gespräche mit Problemstellungen eigener Betroffenheit sein können im Wechsel mit künstlerischem Üben, wie Sprechchor, Chorsingen oder Eurythmie. Dieses soll eine sonntägliche feierliche Besinnungsstunde vorbereiten, bei dem jeder Teilnehmer dann mitwirken möge. Durch aktiv künstlerisches Einleben in Dichtungen, Kompositionen und eurythmisches Bewegen, die den Toten gewidmet sind, kann ein vertieftes Mitfühlen entstehen in der Suche nach geistiger Gemeinschaft. Dazu mögen uns Worte und Klänge, die von Opfern stammen, helfen, so auch ein Vortrag eines wissenschaftlichen Mitarbeiters der KZ-Gedenkstätte Auschwitz, Krzysztof Antonczyk. Auch die darauf folgende künstlerische Abendveranstaltung mit Sprach- und Eurythmie-Darbietungen und Musik von Victor Ullmann, der im Herbst 1944 in den Gaskammern von Auschwitz umkam, soll unserem Anliegen dienen. Dem Thema gewidmete Gemälde werden uns während der Veranstaltung umgeben. – Sonntag früh, vor der Feier, bei der Peter Selg das Schlusswort sprechen wird, kann an einer Weihehandlung der Christengemeinschaft im „Haus der Stille”, einem unheizbaren Raum, teilgenommen werden.

66 Jahre zuvor herrschte in Bergen-Belsen durch totale Überfüllung, Wassermangel und der Unbenutzbarkeit der Latrinen bei Eiseskälte, Hunger, Ungeziefer und Typhus Unvorstellbares: ein allgemeines langsames Dahinsterben, dem auch Anne Frank zum Opfer fiel. Durch die herannahenden Fronten waren die Menschen aus allen umliegenden KZs zusammengetrieben worden. So befinden wir uns in Bergen-Belsen an einem zentralen Ort.

Die äußeren Möglichkeiten sind dort beschränkt. Das Ringen um Licht und die Bereitschaft, aktiv mitwirken zu wollen, möge den Verzicht auf manche sonst üblichen Bequemlichkeiten ermöglichen.

Da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, mögen Interessenten sich bald melden, schriftlich oder telefonisch bei: Mascha Wenzel, Auf dem Bui 6, 37077 Göttingen, Tel.: 0551-22667.

Elisabeth Göbel