Die seelische Rehabilitation der
Menschen in Kirgisistan

Die Folgen der politischen und ethnischen Konflikte, die zwischen April und Juni dieses Jahres in Kirgisistan wüteten, sind immens. Viele Kinder im Süden des Landes sind auf-grund der unmittelbaren Konfrontation mit unvorstellbarer Gewalt schwer traumatisiert. Ihr Vertrauen in Mitmenschen wurde zerstört. Interethnische Konflikte und Ge-waltausbrüche fanden vom 10. bis 18. Juni rund um die Stadt Osch ihren Höhepunkt. Auf Bitten der „Union der Ausbildungsinstitutionen” Kirgisistans führen die „Freunde der Erziehungskunst” voraussichtlich vom 27. November bis 12. Dezember eine notfallpäda-gogische Krisenintervention in der Region durch.

„Ein Sturm der Gewalt hat in Kirgisistan Tod und Verwüstung verbreitet.” schreibt Le Monde diplomatique am 10. September dieses Jahres über die bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen zwischen Kirgisen und der usbekischen Minderheit in Südkirgisistan. Ca. 2000 Erwachsene und Kinder kamen dabei ums Leben. Unzählige Menschen haben persönliche Tragödien erlebt, die Ermordung von Verwandten, Freunden und Bekannten miterleben müssen oder wurden selbst Opfer der sinnlosen Gewalt.

Die „Union der Ausbildungsinstitutionen” Kirgisistans nimmt sich seit Juni trauma-tisierten Kinder und Jugendlichen in Osch und in den Vororten an. Sie kümmert sich außerdem um die psychische Stabilisierung der Lehrer und bietet Trainings zum Methodenausbau an. Doch sind sie mit den zum Teil schwersten Traumati-sierungen und deren Handhabung überfordert. Auf Bitten wird sich das 10-köpfige Team die „Freunde der Erziehungskunst” drei Arbeitsbereichen widmen: der psychosozialen Stabilisierung der stark trau-matisierten Kinder, der Traumabewältigung Lehrer sowie dem pädagogischen Methodenausbau zur Vertrauensstärkung, da die Lehrer innerhalb der Klassen mit enormen ethnischen Spannungen konfrontiert sind.

Da aus dem einst politischen Konflikt zwischen Usbeken und Kirgisen ein ethnischer Konflikt entstanden ist, der im Juni zahlreiche Opfer forderte, wird die Vertrauensbildung in Mitmenschen und Wege der positiven Zukunftsgestaltung ein wichtiger Arbeitsbereich des „Freunde”-Teams sein.

Die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. fördern weltweit Initiativen eines freien Bildungswesens. Seit 1971 setzen sie sich für die Verbreitung der Waldorfpäda-gogik und für Freiheit im Bil-dungswesen ein. Seit 1993 organisiert und betreut das Büro in Karlsruhe internationale Freiwilligendienste in aller Welt und ermöglichte bislang über 6.000 Menschen einen sozialen Dienst in über 350 Projekten in mehr als 60 Ländern. Zurzeit nehmen jährlich rund 600 junge Menschen an den Programmen teil. Seit 2006 ist der Verein im Bereich „Notfallpädagogik” tätig. In Folge von kriegerischen Auseinandersetzungen und Naturkatastrophen arbeiteten die „Freunde” bislang mit psychotraumati-sierten Kindern und Jugendlichen im Libanon (2006), China (2008), Gaza (Februar und Juli 2009 sowie Juli 2010), Indo-nesien (November 2009) und Haiti (Februar, Mai und September 2010). Neben dem geplanten Einsatz in Kirgisistan findet vom 23. Oktober bis 6. November der zweite vom Auswärtigen Amt geförderte Folgeeinsatz im Gaza-Streifen statt. Im Rahmen des Nachsorgeeinsatzes werden Fortbildungen für bis zu 100 Fachleute von Atfaluna, vom Gaza Mental Health Com-munity sowie vom Al-Quattan Center for the Child durchgeführt. Des Weiteren wird die Arbeit im Kinder-schutzzentrum für die Kinder aus Al-Zeitoun evaluiert und supervisioniert werden.

Michaela Mezger

Öffentlichkeitsarbeit für Notfallpädagogik