21. Sommerakademie in Alfter

Hafen - ein Ort des ständigen Wechsels

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„Hafen” ist das Thema der diesjährigen Sommerakademie Alfter. „Jeder hat Bilder, Vorstellungen und Erinnerungen zu dem Begriff Hafen, das in diesem Jahr das Motto der Sommerakademie Alfter ist. Der Wunsch sicher gelandet zu sein steht im Kontrast zur Suche nach Neuem. Die Kräfte, die zwischen beiden wirksam sind, halten uns in Bewegung, fordern unseren Geist und beleben unsere Seele. Genauso ist es auch, wenn wir künstlerisch tätig sind. Das erleben die Teilnehmer (Kinder, Jugendliche, Erwachsene) der Sommerakademie Alfter seit vielen Jahren, wenn sie zwei Wochen in die künstlerische Arbeit am Johannishof einsteigen und den Alltag zu Hause lassen.“ Das stellt Stefanie Gather, Gründerin der Sommerakademie Alfter, fest. Doris Wirth führte ein Interview mit ihr und Andrea Heidekorn, die seit 18 Jahren Mitglied des Kollegiums ist.

Die Sommerakademie Alfter ist eine seit Jahren erfolgreiche Veranstaltung. Ein Ferienangebot mit intensiver künstlerischer Arbeit macht anscheinend heutzutage Sinn. Warum ist das so?

Stefanie Gather: Das intensive künstlerische Arbeiten ist eine Kraftquelle, ein Freiraum. Jeder kann fern von Alltag und sozialen Anforderungen, sich mit Unbekanntem auseinander setzen, Neues lernen, ausprobieren und Vertrautes vertiefen.

Können Sie das noch genauer beschreiben?

Andrea Heidekorn: Ein weiterer Aspekt ist die heutige Informationsflut: Wir sind heute überrollt von Bildern, Eindrücken und Botschaften. Auch von einer Woge von Betroffenheit oder gar Schuld, schon bei der morgendlichen Lektüre der Tageszeitung. Wer, wenn er aufmerksam liest, hat da noch den Mut, vom Tisch aufzustehen und einfach zur Tagesordnung, zum Tagesgeschäft überzugehen?

Wie gehen Sie mit diesen Anforderungen um?

Heidekorn: Jeder ist auf sich allein gestellt im Umgang mit all den Informationen und Anforderungen - und muss im Moment eine jetzt passende Entscheidung fällen und diese so gut wie möglich umsetzen. Im nächsten Augenblick kann eine andere Entscheidung, eine andere Umsetzung nötig und richtig sein. Ich erlebe, dass meine Berufe, ich bin Eurythmistin und Musikerin, gerade für diesen Bereich gute Praxisfelder sind.

Gather: Im Sozialen sind wir entweder miteinander verbunden durch Familie, Freunde und Beruf ja vielleicht sogar abhängig voneinander oder gleichzeitig sind wir oder fühlen uns allein auf uns selbst gestellt. Bis dahin, dass man auf dem Weg zur Straßenbahn oder in der Fußgängerzone aneinander vorbei laufen muss, um von der Stelle zu kommen.

Sie meinen, es geht darum, den Raum zwischen uns als Gestaltungsraum zu entdecken?

Gather: Ja, ich möchte anregen, bewusst Interesse zu entfalten, scheinbare Abhängigkeiten in kreative Räume zu verwandeln! Dafür ist Geistesgegenwart und Spielfreude nötig. Da ist es wichtig, Angst aushalten zu können, weil man oft nicht weiß, was jetzt richtig ist, was und wie die Folgen meiner Entscheidung sein werden. Das alles kenne ich aus meiner bildhauerischen Arbeit sehr gut! Mit zunehmender Erfahrung wird aus der Entscheidungsangst, Entscheidungslust und Freude.

Heidekorn: Durch Kunst, ob ich sie aufnehme, genieße oder selbst künstlerisch tätig bin, werden Wahrnehmungsfähigkeiten erweitert für Prozesse, für Qualitäten, für Freiräume, die oft gar nicht schnell und vordergründig zu entdecken sind. Echte Wahrnehmung ist wirklich wichtig. Das, was herankommt, was hereinkommt staunend begrüßen und damit umgehen. Das sehen, was ist, nicht das, was man gerne sehen möchte, was schon „vorprogrammiert” ist .

Gather: So zeigen sich sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten im künstlerischen Prozess und im konkreten Alltag. Sie können mit Spielfreude und Wagemut, aber unbedingt auch mit Vorsicht ergriffen werden.

Kunst geschieht in der Akademie, aber außerhalb von Alltag!

Heidekorn: Im künstlerischen Arbeiten gibt es einem offenen Raum, in dem vieles möglich ist, ohne dass etwas oder jemand zu Schaden kommt. Es ist eine Art Freiraum, ein Übfeld, allerdings nicht immer ein schmerzfreier Raum. Künstlerische Prozesse sind genau wie Alltagsprozesse angstbesetzt, aufreibend, fordernd und unberechenbar. Und dennoch: die Künste geben uns Mittel in die Hand, an denen wir uns einfach üben können. Durch den Gebrauch von Farbe, Stimme, Stein, Film, Foto, mit Pinsel, Stift, Meisel und Kamera, in Bewegung, im Klang, was und wie auch immer. Jedes künstlerische Mittel fordert und fördert etwas anderes zur Entdeckung und Entfaltung heraus.

Gather: Sehr schnell entdeckt man, dass den Maler und den Lehrer, die Tänzerin und die Mutter qualitativ nicht viel unterscheidet - nur die Mittel der Gestaltung sind andere. Und es ist phantastisch, wenn alle gemeinsam in einem Raum, an einem Thema arbeiten! Jeder ist Gestalter - in den unterschiedlichen Medien finden wir uns, bereichern uns, entdecken Neues, lernen und schaffen etwas. Lernen geschieht immer, sofort - wenn man es zulässt - der Transfer in den Alltag ist eine Sache von Sekunden, von Augenblicken.

Und dafür wollen Sie in Zukunft noch mehr Chancen öffnen?

Heidekorn: Das ist unsere Idee. Neben der klassischen Akademie, in der für zwei Wochen das konkrete Üben in einer Kunst im Mittelpunkt steht, soll die erste Akademie in diesem Jahr beides ermöglichen: intensives Üben bestimmter ausgewählter künstlerischer Mittel mit einem Dozenten, aber auch die explizit gegebene Möglichkeit, sich sozial zu vernetzen, zusammen ganz unkonventionelle Kompetenzen zu entwickeln.

Gather: Dafür haben wir extra einen Multimediakünstler, Ulrich Behr, engagiert, der da ist, beobachtet, spiegelt, Impulse gibt und Freiräume deutlich macht. Wir sind gespannt, was sich daraus entwickelt!

Die Ideen zur Weiterentwicklung der Sommerakademie Alfter kam aus dem Mitarbeiterkollegium?

Gather: Ja! Deutlich ist durch die Jahre hindurch: Ohne die Initiative der Dozenten finden keine kursübergreifende Projekte statt. Das Kapital der Sommerakademie Alfter sind ihre Dozenten! Wir haben jede Menge persönliche und soziale Interaktionen übers Jahr als Kollegium: regelmäßige Konferenzen, mindestens eine Klausurtagung im Jahr. Hier geschieht intensive Zusammenarbeit, gemeinsames Wachsen. Es werden Schicksalsfäden gesponnen, Vertrauen gefestigt und neue Ideen entwickelt. Alle zwanzig Dozenten tragen das finanzielle Risiko mit, es gibt kein festes Honorar. Eine Kerngruppe von vier Dozenten übernimmt für die Weiterentwicklung der Akademie gegenseitig Verantwortung und schafft Räume zur gemeinsamen Arbeit. Es wird auch ein Forschungsprojekt geben zum Thema: Kunst in der aktiven Gestaltung von Biografie.

Heidekorn: Und hier werden wir nicht nur die Teilnehmer befragen, sondern auch die Kollegen, die sich mit der Sommerakademie Alfter weiterentwickeln. Kunst ist wirksam gewordene Gestaltungspotenz. In jedem Medium, in jedem Moment.

Ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche für den kommenden Sommer eine besonders intensive Zeit in den Ateliers und auf dem Gelände des Alanus Werkhauses.

1. bis 28. August, Sommerakademie Alfter. Teil 1 und Teil 2. Werkwoche: 29. August bis 3. September. Kosten: 455,- zzgl. Übernachtung/Verpflegung/Material. Werkwoche: 80,-. Die Sommerakademie ist als Bildungsurlaub (AwbG) anerkannt. Weitere Informationen: www.sommerakademie-alfter.de, Bahnhofstraße 27a, 53347 Alfter, Tel: 02222-931595.

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