Neue Impulse für Haiti

+c2_Kind beim Essen.tif

Bereits im Februar reiste ein notfallpädagogisches Kriseninterventionsteam in das vom Erdbeben schwer getroffene Haiti. Während des Folgeeinsatzes der „Freunde” vom 12. bis 21. Mai konnte die Arbeit der vor Ort tätigen Lehrer weiter ausgebaut und neue Impulse für die Arbeit mit psychotraumatisierten Kindern und Jugendlichen gesetzt werden.

Es ist heiß. Die Fahrt zum Kinderkrankenhaus St. Damien der befreundeten Hilfsorganisation „Unsere kleinen Brüder und Schwestern” durch meterhohe Müllberge, zwischen denen Menschen ihre Unterkünfte errichtet haben, schockierend. Vier Monate nach dem verheerenden Erdbeben in dem Karibikstaat wird das ganze Ausmaß der Katastrophe nun erst wirklich sichtbar. Eine funktionierende Infrastruktur ist nach wie vor nicht vorhanden und allem voran fehlt es an Trinkwasser.

Das 10-köpfige Team der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners” hat bei seinem Folgeeinsatz Workshops und Seminare zur Psychotraumatologie und Notfallpädagogik abgehalten. Zentraler Aspekt der Workshops war das aktive Erleben der im Umgang mit psychotraumatisierten Kindern möglichen Methoden. Den lokalen Mitarbeitern („Animateurs”) des Angels of light-Projekts der Hilfsorganisation „Unsere kleinen Brüder und Schwestern”, den Lehrern und Lehrerinnen des Child Friendly Space der „Freunde” und die ca. 100 haitianischen Mitarbeiter der Kindernothilfe wurde auch nahegebracht, warum sich gewisse Methoden bei der Arbeit mit psychotraumatisierten Kindern eignen. Die Workshops in Port-au-Prince, Léogâne und Petit Goave bestanden aus einem Referat von Einsatzleiter Bernd Ruf zur Psychotraumatologie. Auch wenn von Seiten der lokalen Mitarbeitern berichtet wurde, wie positiv sich viele Kinder verändert hätten und dass die traumatischen Belastungsreaktionen bei einigen verebben, gab es dennoch viele Fragen: „Wie soll ich mit Kindern, die nicht mitmachen wollen, umgehen?” „Wie verhalte ich mich bei apathischen Kindern?” „Wie gehe mit Aggressionen der Kinder um?” Um diese und andere Fragen gemeinsam zu besprechen, ging es nach dem Referat in kleine Gesprächsgruppen, in denen ein bis zwei Miterbeiter der „Freunde” teilnahmen. Nach einer Pause hielt Einsatzleiter Bernd Ruf ein Referat zur Notfallpädagogik, bevor die Teilnehmer in einzelnen Workshops zur Maltherapie, Eurythmie, Erlebnispädagogik und Unterrichtsgestaltung weitergeschult wurden. Johannes Portner, anthroposophischer Arzt und Teammitglied des Folgeeinsatzes, bot einen Workshop zur der Frage an, wie man Traumata körperlich erkennen kann.

Das ehrenamtliche Team der „Freunde” nahm seine Arbeit zuerst in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince auf, um dort mit ca. 100 „Animateurs” von „Unsere kleinen Brüder und Schwestern” und zwei Mitarbeitern des College Waldorf Steiner in notfallpädagogischen Methoden weiterzubilden. Am Tag der Ankunft fand ebenso ein Treffen mit der Kindernothilfe statt, um die geplanten Workshops und Seminare zu besprechen. Bevor am Samstag, den 15. Mai, der Tag des Workshops anstand, besuchten am vorausgegangenen Tag die Teammitglieder verschiedene Camps von „ Unsere kleinen Brüder und Schwestern”, um sich von der bisher geleisteten Arbeit ein Bild zu machen.

Am Sonntag ging es für die „Freunde” dann weiter nach Léogâne, wo zunächst ein Treffen mit der lokalen Hilfsorganisation Acrederp und den für die „Freunde” tätigen Lehrern und Lehrerinnen auf der Agenda stand.

Da in Haiti Notschulen eröffnet wurden, beginnt in dem von den „Freunden” errichteten Child Friendly Space in Léogâne die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen erst um 14 Uhr. Diejenigen Kinder, die nicht die Schule besuchen, kommen bereits in den Morgenstunden zu dem durch Bäume Kinderschutzraum der „Freunde”.

Ein Nachmittag im Child Friendly Space der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners” beginnt mit einem gemeinsamen Kreis, bevor die Kinder in ihre Gruppen gehen. In den Gruppen werden auf Wunsch der Eltern zusammen Hausarbeiten erledigt. Danach wird mit den Kindern gemalt, gesungen und gespielt. Nach einem gemeinsamen Essen und einem Abschlusskreis werden die Kinder und Jugendlichen geordnet entlassen.

Der Folgeeinsatz und die mit ihm verbundenen Seminare und Workshops waren überaus erfolgreich. Da die Zeit jedoch knapp war und es weiterer Bedarf an Weiterbildungen besteht, wird es 2010 noch einen Einsatz in Haiti geben.

Es wird sicherlich große persönliche und finanzielle Anstrengungen bedürfen, um in den chaotischen Zuständen des vom Erdbeben zerstörten Haiti nach der notfallpädagogischen Akuthilfe nun strukturelle Wiederaufbauhilfe im Bildungssektor zu leisten. Aber die Kinder Haitis benötigen unsere nachhaltige Unterstützung. Sie werden die Gestalter der Zukunft Haitis sein. Die Arbeit in Haiti, dem Armenhaus der Karibik, hat gerade erst begonnen.

Zu den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.:

Die Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. fördern weltweit Initiativen eines freien Bildungswesens. Seit 1971 setzen sie sich für die Verbreitung der Waldorfpädagogik und für Freiheit im Bildungswesen ein. Seit 1993 organisiert und betreut das Büro in Karlsruhe internationale Freiwilligendienste in aller Welt und ermöglichte bislang über 6.000 Menschen einen sozialen Dienst in über 350 Projekten in mehr als 60 Ländern. Zurzeit nehmen jährlich rund 600 junge Menschen an den Programmen teil. Seit 2006 ist der Verein im Bereich „Notfallpädagogik” tätig. In Folge von kriegerischen Auseinandersetzungen und Naturkatastrophen arbeiteten die „Freunde” bislang mit psychotraumatisierten Kindern und Jugendlichen im Libanon (2006), China (2008), Gaza (Februar und Juli 2009), Indonesien (November 2009) und Haiti (Februar und Mai 2010).

Michaela Mezger

Öffentlichkeitsarbeit für Notfallpädagogik

+c2_Vortrag Bernd Ruf mit Übersetzern.tif