Schutz der Kinder vor Gewalt

Seit Jahresbeginn werden immer mehr Fälle von Gewalt öffentlich, die Erwachsene an Kindern und Jugendlichen begingen. Die Mauer des Schweigens und Wegsehens bröckelt langsam. Schockierend wirkt das Ausmaß vor allem der sexuellen Übergriffe von Erziehern und Lehrern an den ihnen anvertrauten Kindern. Spätestens mit dem Skandal an der hessischen Odenwaldschule wurde deutlich, dass keine Einrichtung vor solchem Missbrauch des Abhängigkeitsverhältnisses gefeit ist. Die Täter sind mitten unter uns: in den Familien, in Vereinen, in Schulen und auch in Waldorf-Einrichtungen.

Entscheidend ist nicht, ob das waldorfpädagogische Konzept auch hier hinreichend vorbeugt, sondern einzig, wie die Pädagogen ihre Verantwortung wahrnehmen, um alles zu tun, die Kinder und Jugendlichen zu schützen. Wie beugen wir Gewalt und Missbrauch vor? Wie erkennen wir die versteckten Hilferufe der Opfer, wie reagieren wir richtig?

Fortbildung für Waldorfschulen

Das Waldorflehrerseminar Kassel und die Landesarbeitsgemeinschaft der hessischen Waldorfschulen entschlossen sich relativ kurzfristig und vereinbarten im März eine Kooperation mit dem „Weißen Ring“, einer Hilfsorganisation von Kriminalitätsopfern. Am 11. und 12. Mai fand im Kasseler Waldorflehrerseminar eine erste Fortbildung für die Studenten und die hessischen Waldorflehrer zur Prävention und Reaktion bei sexuellem Missbrauch statt. Mehr als vierzig Waldorfpädagogen erörterten über zwei Tage mit Rechtanwalt Ulrich Warncke und Psychologin Dr. Katharina Maucher vom Institut für psychologisch-juristisch fundierten Kinderschutz „Nullhypothese” das Problemfeld der Kindeswohlgefährdung.

Maucher entwickelte das sogenannte „Frankfurter Modell” zum Umgang mit dem Verdacht des sexuellen Missbrauchs. „Wichtig ist es, immer wieder aus dem eigenen System herauszugehen und verschiedene Perspektiven einzunehmen”, betont sie. Ebenso wie Rechtsanwalt Warncke war sie vom Engagement und theoretischen Wissen der Teilnehmer beeindruckt. „Konkrete Verfahrensabläufe und Handreichungen für den beruflichen Alltag müssen noch erarbeitet werden”, resümiert Warncke, „dies betrifft auch die Kooperation mit Institutionen wie Jugendamt, Beratungsstellen und Strafverfolgungsbehörden.”

Auch die Teilnehmer waren beeindruckt: „Die Informationen helfen, dass man seine eigene Position bestimmen kann zwischen dem, was man geahnt hat, und dem, was in der Gesellschaft, im Jugendamt und juristisch Konsens ist.”

„Die individuelle Verantwortung des Lehrers kann nur fruchtbar werden, wenn die Beziehung zu den Einrichtungen des Kinderschutzes und der Jugendpflege nicht erst im Krisenfall gepflegt werden”, betonte Michael Zech vom Kasseler Lehrerseminar. „Eine stärkere Sensibilisierung für die spezifischen Risiken des Lehrerberufs ist unverzichtbar. Das Kasseler Seminar wird daher eine entsprechende Einheit fest in seiner Lehrerausbildung implementieren.”

Neue Konzepte zur Vorbeugung

Einzelne Waldorfschulen haben bereits ein Konzept zum Umgang mit Kindeswohlgefährdung entwickelt. Solche konkreten Vereinbarungen sollte jedes Kollegium ausarbeiten und sich darauf verpflichten. So wie es innerhalb weniger Jahre gelang, eine Suchtberatung an fast jeder Waldorfschule zu installieren, können in jeder Schule kompetente Ansprechpartner, Informationswege und Hilfsangebote benannt werden. Das betrifft nicht nur sexuellen Missbrauch, sondern den gesamten Problembereich von körperlicher und psychischer Gewalt. Die Hessen werden daher ihre Veranstaltungsreihe am 1. September mit einem Seminar der Geschäftsführer zu arbeitsrechtlichen Aspekten und am 23. September mit einem Mobbing-Seminar fortsetzen.

Norbert Handwerk