Der erste Theater-Abitur-Kurs an einerWaldorfschule

Von Wilfried Kessler, Waldorfschule Ulm I

+c9-2.tif

m Jahre 2004 erschien der neue Bild≠ungsplan Baden-Wurttembergs unter demMotto „Bildung stärkt den Menschen”. Er baut auf dem Gedanken auf, dass heute statt reinem Faktenwissen facherubergreifende Kompetenzen gefragt sind. So wurde folgerichtig im Jahre 2007 das neue Wahlfach „Literatur und Theater”als zweijähriger Kurs in Klasse 12 und 13 eingefuhrt. Dieser Kurs kann von Lehrkräften unterrichtet werden, welche uber eine angemessene theaterpädagogische Kompetenz verfugen, d.h. eine Aus- und Weiterbildung mit curricularem Charakter in diesem Bereich absolviert haben. Nach der Zustimmung der verantwortlichen Schulgremien das Fach Literatur und Theater als Abiturfach anzubieten, ist ein formloser Antrag auf Teilnahme am Schulversuch „Literatur und Theater”zu senden. Die Waldorfschule Ulm nimmt seit dem Schuljahr 2008/09 an dem Schulversuch teil. Der Kurs wurde genehmigt und im Rahmen der Abiturprufung als Hospitationsfach angerechnet. Das erste Jahr dient der Grundlagenarbeit und im zweiten Jahr ist auf dieser Grundlage eine öffentliche Präsentation zu erarbeiten und durchzufuhren. 

Theater und Persönlichkeit

Der Beitrag des Schwerpunkts Theater besteht in einem ganzheitlichen Zugang zur Welt. Im Theaterspiel wird erlebte und imaginierte Wirklichkeit nachgestaltet, vorweggenommen und neue Wirklichkeit entworfen. Die Verbindung von Wahrnehmen, Erfahren, Gestalten und Reflektieren leistet einen wesentlichen Beitrag dazu, dass Schulerinnen und Schuler ein eigenes Verhältnis zur Welt entwickeln und die Weltsicht anderer erfahren und verstehen können. Theater wirkt insofern in besonderer Weise persönlichkeitsbildend. Kreativität und Fantasie werden durch theatrale Gestaltungsmöglichkeiten angeregt und entwickelt. Auftreten, Körperausdruck, Selbstbewusstsein und die Fähigkeit zur Kommunikation und Empathie werden geschult. 

Theater: ein dauernder Lernprozess

Die Theaterarbeit in den Klassen Klassen 8 und 12 sind besondere Ereignisse an einer Waldorfschule. Aber was ist mit dem dramatischen Element in der dazwischenliegenden Zeit und dann im Abiturjahrgang? Ausgehend von dieser Fragestellung wurde die langjährige Theater-AG-Arbeit dahingehend verändert, dass das Fach Theater durch die ganze Oberstufenzeit angeboten wurde. So war die Freude fur den Erprobungsjahrgang in diesem Schuljahr groß, dass dieses Fach nun auch als Abitur-Prufungsfach stattfinden sollte. 18 Schulerinnen und Schuler aus beiden Ulmer Waldorfschulen nahmen an diesem Kurs teil. Das erste Vorbereitungsjahr diente der Grundlagenarbeit. Besondere Schwerpunkte waren die Umsetzung von Liebeslyrik und Prosatexten in dramatische Szenen. Hinzu kam die praktische Auseinandersetzung mit einzelnen Theatertheorien von Brecht und Stanislawski, dem griechischen Theater, dem Absurden Theater und der Commedia dell’arte. Darauf aufbauend wurde im zweiten Jahr die Präsentation „Geschichten aus dem Wiener Wald”von Öden van Horvath erarbeitet und mit zwei Szenen des Absurden Theaters aus „Warten auf Godot”Samuel Beckett und einer Grabrede von Carl Zuckmayer uber Öden van Horvath verknupft. 

Evaluation von Außen

Das schriftliche Resumé der Prufungskollegin lautete: „Die Anforderungen des Faches ‚Literatur und Theater’sind in beeindruckender Weise eingelöst worden. Dies zeigte insbesondere die Abschlusspräsentation und –reflexion der Schuler.”Die 18 Schulerinnen und Schuler erreichten einen Durchschnitt von 12 Punkten. Während dieser zwei Jahre fuhrte jeder Schuler eine Theater-Werkstattmappe. Auch wurden mehr als 10 Theaterstucke im Ulmer Theater besucht, welche einen guten Querschnitt durch die Theatergeschichte vermittelten. Der nächste Theater-Abitur-Kurs mit ebenfalls 18 Schuler/innen ist schon im Gange. Bei der nachfolgenden Klasse zeichnet sich schon bald ab, dass dieser Kurs von den Schulern auch in Zukunft gerne angenommen wird. 

Schulerstimmen

Zu Anfang der 12. Klasse konnte man bei vielen Kursteilnehmern noch eine gewisse Scheu spuren, sollten sie in die Mitte treten, plötzlich vor Freude in die Luft springen, gewisse Improvisationsubungen ausuben - mir ging es ähnlich. Auch wenn man die Menschen um sich herum schon mehr als ein Jahrzehnt kannte, so war doch noch eine gewisse Hemmschwelle vorhanden. Sicher, man kannte sich von der Theaterarbeit der letzten Jahre, wusste uber die Fähigkeiten jedes Einzelnen schon Bescheid, doch dieses Arbeiten erforderte noch mal eine ganz neue Art von Mut.” „Es ist uns trotz aller Höhen und Tiefen gut gelungen, die während dem Probenprozess und den anderen Vorbereitungen fur die Auffuhrung entstanden sind, ein reifes Werk auf die Buhne zu stellen. Besonders die Tiefen gehören dazu, aus denen wir meist gestärkt und trotz jeglicher Auseinandersetzung lernend hervorgehen, denn nur aus dem wirklich ausgetragenen Konflikt kann der Mensch lernen und sich so verbessern.” „Theater ist fur mich ein wunderbarer Ausgleich fur alles, sei es der Alltagsstress, Schulstress oder das Gefuhlschaos in mir selbst! Durch das Einschlupfen in eine Rolle oder das Durchfuhren von Übungen fuhle ich mich befreit und lebe in diesem Moment in einer anderen Welt. Ja, manchmal ist es eine Hurde, die man uberwinden muss, um in diese Welt eindringen zu können. Doch wenn ich einmal in die Welt des Theaters eingedrungen bin, fuhle ich mich wohl und geborgen. Das Auffuhren von Theaterstucken auf der Buhne hat mir jedes Mal ein Stuck mehr Mut geschenkt.” „Die Kunst des Schauspielers besteht fur mich darin, die eigene Person zu kennen und Teile dieser Person herauszuarbeiten, um dann damit eine neue Figur bilden zu können. Nur was auch in uns ist, können wir auch nach außen tragen. Die Kunst ist, diese Quellen zu nutzen und nicht, eingeubte Verhaltensmuster anzuwenden.” „Ruckblickend kann ich sagen, dass mir der Kurs sehr viel Spaß gemacht hat und er zusätzlich ein guter Ausgleich fur die anderen Abiturfächer war. Die Theaterarbeit werde ich nach der Schule bestimmt vermissen.” 

+c9-3.tif