Zauberei durch biologisch-dynamische Landwirtschaft

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In Gedenken an den im Oktober verstorbenen Gartenbaulehrer Philip Bishop, der dank seines unermüdlichen Einsatzes auch in diesem Jahr wieder den Preis des Garten-, Friedhof und Forstamtes Stuttgart für besondere Leistung bei dem Wettbewerb  ”Natürlich Stuttgart” erhalten hat.

Die Verwandlungsfähigkeit des Schulgartens überzeugt die Jury des Wettbewerbs „Natürlich Stuttgart”. Den Preis für besondere Leistung erhält das „grüne Klassenzimmer” diesmal für die konsequente Anwendung der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. „Die Gesamtanlage des Schulgartens der Freien Waldorfschule am Kräherwald bietet einen hohen pädagogischen Wert.” Eberhard Schnaufer vom Garten-, Friedhof- und Forstamt Stuttgart ist beeindruckt von der Nachhaltigkeit der Gartenanlage am Kräherwald. „Die Jugendlichen lernen dort das sorgfältige Umgehen mit der Natur.” Unter anderem der biologischen-dynamischen Landwirtschaft der beiden Gartenbaulehrer Philip Bishop und Florian Doose ist es zu verdanken, dass im Schulgarten viele Tiere und Pflanzen leben, die sonst in der Großstadt keinen Platz finden.

Unter biologisch-dynamischer Landwirtschaft versteht man den Landbau, die Viehzucht, die Saatgutproduktion und die Landschaftspflege nach anthroposophischen Grundsätzen. Für die Gartenbaulehrer der Freien Waldorfschule am Kräherwald Florian Doose und Philip Bishop bedeutet „biologisch-dynamisch” die Schaffung eines eigenen Kreislaufes: „Unser Ziel ist es, dass der Schulgarten sich aus seiner eigenen Kraft erhält.”

Um dieses Ziel zu erreichen verfügen alle drei Gartengrundstücke über jeweils einen Kompost. Wie viel Tonnen guter, wiederverwertbarer Erde dort hergestellt wird, können die Gartenbaulehrer nur schwer schätzen: „Die Kompostierung ist für uns eine zentrale Aufgabe, keine Nebensache.” In seinen Unterrichtsstunden erklärt Philip Bishop, dass der dunkle, abgedeckte Haufen das Verdauungsorgan der Gartens ist. Deshalb führt er seine Sechstklässler in ihrer ersten Stunde „Gartenbau” direkt an diesen Ort. „Wir laufen durch den Garten, schmeckend und riechend und plötzlich stehen wir vor dem Kompost.” Dann nimmt Philip Bishop die Sechstklässler mit auf die Reise: nach England, dort wo er (angeblich) seine Schulzeit verbracht hat – in der Zauberschule in Hogwarts. „Auch in unserem Schulgarten wird gezaubert: die Reste der Schulküche, alle Abfälle sammeln wir auf dem Kompost. Nach einem Jahr kann man genau an dieser Stelle schöne, schwarze Erde durch die Finger gleiten lassen.”

Das „schwarze Gold” nennt der Gartenbaulehrer diese Substanz. Für ihn und die Schüler ist dieser Verwandlungsprozess faszinierend. „Man muss nicht Bücher schreiben, um Wunder zu erkennen.” Milliarden von Lebewesen bevölkern dann den Kompost. Philip Bishop hat noch nie erlebt, dass einer seiner Schüler sich naserümpfend abgewendet. Für sie ist der Prozess der Wiederverwertung nur natürlich. „Die Schüler helfen mit, dass die Kompostierung gelingt. Sie sammeln Kräuter, die nach einer besonderen Aufbereitung in die Erde gegeben werden.”

Dabei lernen die Kinder ihre natürliche Umgebung neu einschätzen: Die verhasste Brennesel, zum Beispiel, verwandelt sich vom Unkraut zum begehrenswerten Objekt: „Für die Schüler ist es das Größte, eine Brennnessel zu pflücken und sich nicht zu verbrennen”, lacht der Gartenbaulehrer. „Scha-Ka-Bre-Lö-Ba” heißt die Kräuterzauberformel: Mit wenigen Teelöffeln Schafsgarbe, Kamille, Brennnessel, Löwenzahn und Baldrian wird der Komposthaufen „verarztet”. Nach einem Jahr Ruhephase sieben die Schüler das Substrat für die Pflanzenaufzucht. Endlich ist es soweit: sie dürfen in eine kleine Kiste einsäen. Zwei, drei Wochen passiert gar nichts. In der vierten Woche kommt plötzlich ein grünes Blättchen zum Vorschein. „Das soll mein Salat werden?”, fragen dann einige Schüler. Philip Bishop kennt ihre Ungeduld. Erst wenn sich die Wurzel ausbildet, kommen die Pflänzchen in das Gewächshaus, von dort in das Frühbeet, bis sie schließlich von den Kindern in das Beet gesetzt werden dürfen.

„Wie viel Platz benötigt ein Kohl, wie eng dürfen Radieschen gepflanzt werden?” Die Beantwortung dieser Fragen spielt nun für die kleinen Gärtner eine wichtige Rolle. Nach einem halben Jahr ist es dann soweit: die Schüler ernten und bringen ihren Salat mit nach Hause an den Essenstisch. „Vor allem bei den Tomaten stellen sie dann den Unterschied fest. Wer einmal eine biologisch, dynamisch angebaute Tomate geerntet und gegessen hat, kauft keine Holland-Tomate mehr”, freut sich Philip Bishop.

Eva Tilgner

Foto: Charlotte Fischer