Die gemeinsame Zukunft von Mensch und Erde,

unter diesem Motte standen die Musik- und Umwelttage vom 24.-26.9.2010 im Johanneshaus Öschelbronn, veranstaltet von der Initiative MUSIK FÜR DIE ERDE. Poetisch ergänzt oder – wenn man so will – überhöht wurden sie durch ein Rilke-Zitat aus der 9. Duineser Elegie: „ Erde was, wenn Verwandlung nicht wäre dein drängender Auftrag.” In den Schlusszeilen dieses Gedichtes beschwört Rilke den Wunsch der Erde,”im Menschen unsichtbar zu werden.” – ein geheimnisvolles Wort, ein Denkanstoß.

„Wie gehe ich mit der Erde um, um sie lebenswert zu erhalten?” Das betrifft uns alle, Junge und Alte und diese Frage von Hans-Hermann Wolf in seinem einführenden Referat gestellt, bewirkte ein lebendiges Plenumsgespräch, an dem sich auch sehr junge Besucherinnen beteiligten.

+c1.tif

Wilhelm Müllers Texte zu Schuberts „Winterreise” – von dem erst 23.jährigen Bariton Andreas Beinhauer mit Melania Kluge am Klavier hinreißend vorgetragen – sind im Grunde als Beschreibung einer Lebensreise zu verstehen. – „Fremd bin ich eingezogen – fremd zieh’ ich wieder aus…”

Eine kritische Berichterstatterin hielt die Titel der Vorträge generell für zu hoch, wie z. B. „Die Metamorphose der Kräfte im Verlauf eines Menschenlebens” und erklärte sich damit den nur mäßig gefüllten Saal. Die Anwesenden jedoch waren von dem Zwiegespräch der Ärzte Rolf Markmann und Matthias Woernle über dieses Thema stark beeindruckt. Metamorphose oder Verwandlung der Kräfte bilden – so Dr. Markmann – einen Kreislauf. Das Leben als Gerade gesehen und nach beiden Seiten hin verlängert bildet einen Kreis, womit der Gedanke an Reinkarnation vorsichtig angedeutet wurde. Dr. Woernle wies u. a. auf die Analogie der Pflegebedürftigkeit des Säuglings und des sehr alten Menschen hin und streifte den Auf- und Abbau der Lebenskräfte des Menschen im Verlauf seiner „Lebensreise”.

Susanne Hagemann umrahmte mit ihrer Flöte die beiden Vorträge am Samstag musikalisch mit zwei Kompositionen von G.F. Telemann und vier eigenen Stücken, die thematisch dem Grundthema entsprachen: „Der Geist der Erde / Der Geist des Wassers / Der Geist der Luft / Der Geist des Feuers”.

+c1_2.tif

Mit Wohllaut, Präzision und glockenhellen Stimmen erfrischten die Aurelius Sängerknaben Calw und mit ihrem Repertoire setzte sich der Gedanke einer Reise fort („Wanderungen durch die Landschaft in romantischen Vertonungen”). Im zweiten Teil sang der Chor Volkslieder und endete mit dem schwäbischen Spottlied „Uff dr schwäb’sche Eiseboahne…” akustisch die An- und Abfahrt des Bähnles täuschend echt in Szene gesetzt von seinem künstlerischen Leiter Bernhard Kugler.

Eindringlich schilderte Christian Hiß die heutige Situation in der konventionellen wie der biologischen Landwirtschaft, die ihn dazu bewogen hat, das zukunftweisende Netzwerk, die „Regionalwert AG Eichstetten” zu gründen. Damit hat er ein Finanzierungsmodell geschaffen, das den Bürgern ermöglicht, in ihre regionale, sozialökologisch nachhaltige Nahrungsmittelkette zu investieren. Als Aktionäre können sie selbst über finanzielle, ökologische und soziale Rendite ihrer Investition entscheiden.

Sehr wichtig ist ihm dabei neben dem sozialen Aspekt auch der bisher unbeachtete „Mehrwert durch ein stimmiges Landschaftsbild” der entsteht durch sinnvolle Entscheidungen innerhalb des Netzwerks z. B. Verzicht auf Chemie, Einsatz von bodenständigem Saatgut, der Landschaft angepasste Ackergrößen usw. und den Erhalt von Betrieben, die ohne geeigneten Nachfolger zur Aufgabe gezwungen wären. Es gäbe ausreichend hoch motiviert junge Menschen ohne landwirtschaftlichen Hintergrund, denen die Regionalwert AG die finanzielle Grundlage für eine Betriebsübernahme ermöglichen kann.

Der Vortrag von Dr. Andreas Worel krönte die Musik- und Umwelttage am Sonntagvormittag. Unter dem Titel „Mensch und Erde – sozialer Organismus und Schicksalsgemeinschaft” stellte er Erde und Mensch in eine enge innere Beziehung, beide als Organismen beschreibend, denn beide haben einen physischen Leib, Lebens- und Seelekräfte, aber ob die Erde auch ein Ich besitzt, diese Frage lies Worel offen.

Mit dem Gedicht „Verwandlung” der Dichterin Hedwig Börger, die ihre letzten Lebensjahre im Johanneshaus verbracht hatte, griff Worel den Gedanken aus dem Rilke-Zitat auf als ergreifenden Abschluss der drei ereignisreichen Tage.

Musikalisch begleitet wurde dieser Vortrag durch den warmen Klang der Bratsche von Christian Ginat mit einer Sonate von Heiner Ruland, dem langjährigen Musiktherapeuten der Klinik Öschelbronn.