Nicht in den Wolken bleibt das geistige Wissen...

150 Jahre Rudolf Steiner 2011

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Internationale Begegnungen am Goetheanum - Sitz der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft.

Zur Aktualität des Freiheitsphilosophen, sozialökologischen Vordenkers und Begründers der anthroposophischen Geisteswissenschaft in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts hatten das Goetheanum und das Rudolf Steiner Archiv zur Internationalen Pressekonferenz am 4. November nach Dornach in die Schweiz eingeladen. Mehr als 250 Gäste, davon rund 45 Journalisten aus acht Ländern und 80 internationale Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Kultur, waren gekommen, um an der Auftaktveranstaltung zum Jubiläumsjahr „150 Jahre Rudolf Steiner 2011“ teilzunehmen. Die neun Mitglieder des international besetzten Podiums berichteten von ihrer persönlichen ersten Begegnung mit der Anthroposophie und in welcher Form diese heute als Antriebskraft für ihr Engagement in der Gesellschaft und in ihrem Arbeitsfeld wirkt.

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Wem gehört Rudolf Steiner?

Zur Begrüßung leitete Dr. Michaela Glöckler, Schweiz, Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum, Dornach, mit den Worten ein „Warum hat man Rudolf Steiner noch nicht vergessen?”. Das Gegenteil sei der Fall, wie u.a. die überaus gut besuchte Ausstellung „Rudolf Steiner - Die Alchemie die Alltags” in Wolfsburg in diesem Jahr zeigte. Sie zitierte dazu Markus Brüderlein, den Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg, der bei der Eröffnung angemerkt hatte, dass die Zeit vorbei sei, dass man Rudolf Steiner nur den Anthroposophen überlassen könnte. Vielmehr ging es nun darum, so Dr. Glöckler, neu zu definieren, wem Rudolf Steiner gehört. Die kommenden Aktivitäten zum 150. Geburtstag von Steiner tragen jedenfalls dazu bei, eine weitere Öffnung des Interessenkreises zu bewirken, dass spiegelt sich u.a. auch darin, dass der österreichische Bundespräsident die Schirmherrschaft für das Jubiläumsjahr in Wien übernommen hätte.

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Wie sieht die Zukunft aus? Impulse und Perspektiven zu Rudolf Steiner heute.


Der im Zusammenhang mit seinem Einsatz zum „Bedingungslosen Grundeinkommen” bekannte deutsche Unternehmer Prof. Dr. Götz Werner und Gründer der DM-Drogeriemarkt-Kette, führte an, seine Art anthroposophisch motiviert ein Unternehmen zu führen, zeige sich darin, die in der Wirtschaft vorherrschende Frage nach dem „Know How” eher durch ein „Why”, ein „Warum bzw. Wozu” zu ersetzen. Wichtig sei zu klären, warum wir etwas machen, was das mit der eigenen Biographie zu tun hat, und immer wieder zu hinterfragen: „Will ich das?”. Die Repräsentantin anthroposophischer Initiativen Hana Giteva, Tschechien, führte an dass es darum ginge anthroposophisch zu fühlen und zu denken. Aban Bana aus Indien berichtete über die Kulturarbeit auf dem Subkontinent und schilderte, dass sie am Goetheanum Menschen begegnet wäre, die eine gleiche Sprache wie ihr Volk sprechen, die Sprache über die Seele, über den Geist. Rudolf Steiner würde in ihrem Land als „Rishi”, moderner Seher, betrachtet, der einen Umgang mit alten Weisheiten durch eine Umwandlung in eine moderne Geisteswissenschaft, einen Erkenntnisweg, ermöglicht hat. Sie betonte, hierdurch würde das geistige Wissen nicht in den Wolken bleiben, sondern auch in Indien auf die Welt kommen, z.B. in Form der Landwirtschaft, der Pädagogik und auch der Eurythmie.

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... und Außenansichten zum Wirken in der Welt...

Prof. (em.) Dr. Hellmut Fischmeister, Österreich, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Metallforschung, Stuttgart, übermittelte Rudolf Steiners Botschaft in der Betonung auf den Geist: „Wo ein Vakuum an Geist entsteht, schlüpft schnell ein Ungeist herein.” Ohne Geist gäbe es keine Wahrheit, ein Erkennen sei durch einen Schulungsweg möglich, dort wo die Seele ihre eigene Beziehung in die Hand nimmt. Gerald Häfner, Deutschland, Mitglied des Europäischen Parlaments, Gründer und Vorstandsmitglied von Mehr Demokratie e.V., sagte, er sei Rudolf Steiner begegnet auf der Suche die Welt mithilfe anderer Menschen zu verbessern. In seinen Schriften seien Ideen vorhanden gewesen, um das derzeitige Ringen, Ökologie mit Ökonomie zu verbinden, bewerkstelligen zu können. Auch Antworten zu Geldprozessen und zur Überwindung damit verbundener aktueller Krisen, seien im freiheitlichen Denken Rudolf Steiners zu finden. Ebenso würde die Pädagogik zu den modernsten Ansätzen gehören, den Menschen ganzheitlich zu bilden und nicht nur als leere Gefäße zu betrachten. Weiter betonte er, Steiner hätte keine Rezepte gegeben, das ging auch heute gar nicht mehr, sondern Impulse, um die Antwort in sich selbst zu suchen.

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Das international besetzte Podium

Ute Craemer, Waldorflehrerin in Sao Paulo/Brasilien, engagiert in mitbegründeten Sozialprojekten und Netzwerken in Brasilien, setzte den einzelnen Menschen als Individuum in den Mittelpunkt. Individuen, die in Not sind, sei eine Menschwerdung erschwert und ihre Bemühungen darum seien für jeden offen, ungeachtet dessen, was er bereits in seinem Leben verschuldet hätte. Bei der Gründung von Kindergärten, Lehr- und Ausbildungsstätten sei ihr bewusst geworden, dass Entwicklungshilfe am Menschen immer auch dem Helfer selbst dient. Marjatta van Boeschoten, Unternehmensberaterin aus England, stellte in den Vordergrund ihres Engagements, wie eine Zusammenarbeit in einer wettbewerbsorientierten Welt möglich werden kann. Das Vorstandsmitglied am Goetheanum, Bodo von Plato, sprach darüber, dass auch die Schattenseiten der anthroposophischen Bewegung thematisiert werden können, wie Sektierertum und Dogmatismus. Denn jedes Ideal könne nur zum Leben kommen, wenn auch das Gegenteil vorhanden wäre. Er betonte, wie überraschend aktuell das Gedankengut von Rudolf Steiner sei, obwohl er vor 150 Jahren geboren, in einer ganz anderen Welt gelebt hätte.

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Innenansichten zur Anthroposophie im Goetheanum....

Was erwartet uns 2011?

Ziel sei es, über Rudolf Steiner ins Gespräch zu kommen und darüber, worum es ihm eigentlich ging. Eine medizinische Standortbestimmung wäre gewünscht zu den Substanzen, Medikamenten und dem Naturverständnis. Dazu ist ein großer internationaler Kongress in Dornach geplant. Die Unvergleichlichkeit der Person Rudolf Steiners solle Beachtung finden, eine mögliche Befangenheit gegenüber seiner Person überwunden werden können, ein freier Blick solle ermöglicht werden, der nicht wertet, aber auch nicht leugnet.

Anthroposophie im Dialog

In vierzehn Dialogveranstaltungen - Ausstellungen, Führungen, Interviews und Roundtables - konnten am Nachmittag die Themen mit prominenten Vertretern der Anthroposophie aus Medizin, Pädagogik, Kunst und Kultur, Natur, Politik, Wirtschaft sowie Architektur vertieft, Einblicke hinter die Kulissen der Goetheanum-Bühne und Ausblicke auf die Zukunft geworfen werden.

Die Auftaktveranstaltung zum Jubiläumsjahr von Rudolf Steiner wurde mit künstlerischen Beiträgen, u.a. einer Klaviersonate von Beethoven und Schostakovich, einem Satz aus einem Violinkonzert von Haydn sowie Eurythmievorführungen von Carina Schmid, Leitung Eurythmie, Bühne Goetheanum, und Margarthe Solstad, Leitung Sektion für redende und musizierende Künste am Goetheanum, beeindruckend zum Abschluss gebracht.

Bitte einsteigen!

Ein „Fahrplan” für 2011 mit zahlreichen zum Teil auch internationalen Veranstaltungen zum 150jährigen Geburtstag von Rudolf Steiner ist bereits zusammengestellt und wird voraussichtlich in den nächsten Wochen weiter ergänzt werden. Dazu gehören u.a. der „Rudolf Steiner Express”, ein Sonderzug als Geburtstagsfahrt von Köln über die Geburtsstadt Kraljevec nach Wien, Aufführungen, Ausstellungen, Vorträge, Kongresse, Tagungen und Aktionen, wie die 150 weißen Friedenstauben für Rudolf Steiner, die am 25. Februar 2011, am Bahnhof Kraljevec, das Jubiläumsjahr eröffnen werden.

red./Michaela Frölich

Weitere Informationen zu allen Veranstaltungen: www.rudolf-steiner-2011.com.