Straßenkunst in der Mittnachtstraße

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Auf der Mittnachtstraße in Stuttgart geht es meist nicht so lustig zu. Die Kinder und Jugendlichen, die in diesem Stadtteil wohnen, stehen selten an einer Staffelei oder beschäftigen sich mit Straßenkunst. Die meisten von ihnen haben einen Migrationshintergrund und Eltern, die froh sind, wenn ihre Kinder nicht stören. Doch an einem Tag in diesem Sommer kam Besuch: Oberstufenschüler der Freien Waldorfschule am Kräherwald sorgten im Rahmen der Veranstaltungsreihe der Stuttgarter Jugendhäuser „Kinder Kunst Tour 2010"für Kreativität auf dem grauen Beton.

Die Elftklässler der Freien Waldorfschule am Kräherwald beschlossen gemeinsam „Da helfen wir mit”, und machten sich auf den Weg. Die Hilfe der kunsterfahrenen Waldorfschüler war willkommen. Die Mitarbeiter des Jugendhauses beobachteten mit Freude die Schüler bei ihrem Einsatz:

Pia und Constantia setzen sich gleich an die Staffeleien. Ein kleines, etwa drei Jahre altes Mädchen will ein Bild malen. Pia sucht in der Kiste mit Malkitteln ein altes Herrenhemd, krempelt die Ärmel hoch und zieht es der kleinen Künstlerin über, so dass sie, schon mit Pinsel und Palette ausgestattet, sich Farbe holen kann, ohne ihr Kleidchen zu gefährden. Und schon geht es los. Wie mischt man schöne Farben, ohne dass alles ineinander fließt? Wie malt man ein Pferd, einen Hund, eine Prinzessin? Der Pinsel sollte sauber sein, bevor er in eine neue Farbe getaucht wird! Pia und Constantia sind an sechs Staffeleien gleichzeitig beschäftigt. Sie helfen, beraten und loben die kleinen Künstler, deren Eltern bewundernd daneben stehen und sich über die farbenfrohen Werke ihrer Kinder freuen. Viele Sprachen werden gesprochen in diesem Stadtteil. Türkisch, Arabisch, Italienisch, Russisch. Eltern und Großeltern sitzen am Straßenrand, trinken Kaffee und genießen die fröhliche, arbeitsame Atmosphäre. Immer wieder bewundern sie die Aktivitäten der Kinder.

Jonas und Philipp bemühen sich unterdessen einem kleinen Jungen beizubringen, wie man einen Diabolo in die Luft werfen und wieder auffangen kann. Geduldig demonstriert Jonas immer wieder wie es geht: anschubsen, hochwerfen, auffangen. Stolz steht die Mutter des Buben daneben und feuert ihn an. Währenddessen entsteht auf dem Straßenpflaster ein großformatiges Kreidebild: Die Namen der Kinder in altägyptischer Hieroglyphenschrift gezeichnet. Dazu bunte Blumen, eine große gelbe Sonne und drei rote Balken: das Logo der Freien Waldorfschule am Kräherwald.

„In dieser Gegend sind wir sonst eher selten – ich finde, es ist eine gute Erfahrung anderen etwas beizubringen”. Die Elftklässler waren zufrieden mit dem Ergebnis dieses Nachmittags. So ging es auch ihren neuen, kleinen Freunden, wie dem dreijährigen Mädchen das leise fragte: „Kommt ihr morgen wieder?”

Text: Caroline Krebietke, Kunstlehrerin und Öffentlichkeitsarbeit Freie Waldorfschule am Kräherwald